Frisch Gelesen Folge 257: Mafalda

Beobachtet das Weltgeschehen kritisch und besorgt: Quinos kleine Titelheldin Mafalda.

»Was wärst du gerne, wenn du leben würdest?«


FRISCH GELESEN: Archiv


Die Bibliothek der Comic-Klassiker Band 5: MafaldaDas Titelbild von Mafalda, Band 5 in Carlsens Bibliothek der Comic-Klassiker.

Story: Quino
Zeichnungen: Quino

Carlsen Comics
Hardcover | 208 Seiten | s/w | 35,00 €
ISBN: 978-3-551-02916-4

Genre: Cartoon, Comicstrips, Funny

Für alle, die das mögen: Funny-Klassiker, starke Mädchen



Mafalda und ich, uns verbindet eine besondere Geschichte. Früh habe ich meine Liebe zu Comics entdeckt, mein Vater hat uns an Wilhelm Busch (bitte jetzt keine Grundsatzdiskussion, ob das zum Medium Comic gehört oder nicht!) und Charles M. Schulz' Peanuts herangeführt. Gerade die Peanuts, die weit mehr selbstbewusste weibliche Charaktere haben als männliche, waren meine Welt. Als ich mich dann mit den Bandes Dessinées befasste, waren meine Erwartungen hoch und wurden doch oft schwer enttäuscht. Starke Frauenfiguren? Meist eher so Fehlanzeige. Umso glücklicher war ich, als ich Mafalda entdeckte. Nicht nur, dass es sich bei diesem Mädchen um eine Namensvetterin von mir handelt – Mafalda gilt als eine romanische Variante des Namens Mathilda, was wiederum eine moderne Version des Namens Mechthild ist –, diese junge Dame hatte es faustdick hinter den Ohren. Zynisch, rotzfrech, politisch, kritisch. Ich war begeistert. Die deutsche Erstausgabe der gesammelten Comicstrips von Carlsen gehörte allerdings meinem Bruder und ich hatte, nachdem wir beide von zu Hause ausgezogen waren, keinen direkten Zugriff mehr darauf.

Am Zustand der Welt hat sich nicht viel geändert: Strip aus Band 5 der Bibliothek der Comic-Klassiker, Quinos Mafalda.
Am Zustand der Welt hat sich nicht viel geändert.


Nun veröffentlicht Carlsen ausgewählte Strips aus zehn Jahren Mafalda als Zusammenstellung in seiner Reihe Die Bibliothek der Comic-Klassiker. Jedoch hat Carlsen den Inhalt nicht selbst kuratiert, sondern greift auf eine spanische Version zurück. Den Einstieg bildet ein längeres Interview von Rodolfo Braceli mit Quino, dem Schöpfer von Mafalda. Auf kurzweilige Art erfährt man hier ein wenig über das Leben Quinos wie auch von der Entstehungsgeschichte Mafaldas. Als klassischer Comicstrip für eine argentinische Zeitschrift rief Quino 1963 Mafalda und ihre Eltern als eine Auftragsarbeit ins Leben. Da das Witzpotenzial in der begrenzten Kleinfamilie recht bald ausgeschöpft war, fügte Quino zuerst Mafaldas Freundin Susanita hinzu. Sie ist quasi der Gegenentwurf zu Mafalda, sie träumt vom Glück im Privaten als Hausfrau und Mutter, kann sich eine Frau per se nicht ohne einen Mann an ihrer Seite vorstellen und will mit Politik oder Weltgeschehen nichts zu tun haben. Quino bezeichnet sie als Mafaldas Mutter in klein. Im Verlauf der Jahre kamen immer neue Charaktere hinzu: Mafaldas bester Freund Felipe, der ewige Pessimist, der sich in seinen Tagträumen ergeht, Miguelito, der Naivling, der allem etwas Schönes abgewinnen kann, Manolito, der Dummkopf, der seinem Vater als mittelprächtiger Kaufmann nacheifert, Guille, Mafaldas kleiner Bruder, der die selbstzufriedene Unbeschwertheit der Jugend ausstrahlt, und die neunmalkluge Libertad, die besonders gut den Erwachsenen den Spiegel vorhalten kann.

So aktuell wie nie: Strip aus Band 5 der Bibliothek der Comic-Klassiker, Quinos Mafalda.
So aktuell wie nie.


Generell liegt hierin die Stärke der Strips von Quino. Er selbst spricht von dem Konflikt, der in den Comics liegt. Kinder bekommen permanent gelehrt, was richtig und was falsch ist, welches Verhalten für sie und andere gut, welches schädlich ist. Doch nur ein Blick in die Zeitung offenbart, dass sich die Erwachsenen in keiner Weise an diese Regeln halten. Und genau aus diesem Widerspruch nährt sich der Witz von Mafalda.

Was für Erwachsene gilt, gilt lange nicht für Kinder: Strip aus Band 5 der Bibliothek der Comic-Klassiker, Quinos Mafalda.
Was für Erwachsene gilt, gilt lange nicht für Kinder.

Und hier stellt sich natürlich die Frage, die über dieser Klassiker-Ausgabe hängt wie das berühmte Damoklesschwert: Wie gut sind die Gags von Quino gealtert? Ich war unglaublich gespannt darauf, ob ich auf alte Freunde oder eher die Geister der Vergangenheit treffen würde.

Quino beweist zeitlosen Biss in seinen Pointen: Strip aus Band 5 der Bibliothek der Comic-Klassiker, Quinos Mafalda.
Quino beweist zeitlosen Biss in seinen Pointen.


Zeichnerisch ist Mafalda unstrittig großartig. Als typische schwarzweiße Tuschezeichnungen sind die Figuren nicht gealtert und haben ihren Charme als zeitlose Klassiker voll erhalten. Ähnlich wie die bereits erwähnten Peanuts oder auch Calvin & Hobbes erscheinen sie zeitlos, auch wenn gelegentlich durch kleine Details innerhalb einzelner Strips ein ungefährer Zeitrahmen festzumachen ist.

Inhaltlich sind die Comicstrips wie ein großer Bauchladen – es ist für jeden und jede was dabei. Gerade die Gags über die politische Lage der Welt sind gut gealtert, da Quino es geschickt verstanden hat, sie nicht an konkrete Ereignisse oder Konflikte zu koppeln. Sie sind so generell gehalten, dass die meisten von ihnen nicht an Aussagekraft eingebüßt haben. Auch der bereits beschriebene Widerspruch zwischen Kindern und Erwachsenen funktioniert immer noch hervorragend. Viele zwischenmenschliche Gags, die sich meist auf der kindlichen Ebene bewegen, haben ihre Gültigkeit bewahrt. Aber natürlich finden sich auch Witze, die nicht mehr so gut funktionieren oder aber auch solche, die noch nie wirklich gut waren. Über zehn Jahre hinweg immer gleichbleibend hohe Qualität abzuliefern, schafft wohl niemand.

Dieser Gag war auch schon vor 30 Jahren unangemessen: Strip aus Band 5 der Bibliothek der Comic-Klassiker, Quinos Mafalda.
Dieser Gag war auch schon vor 30 Jahren unangemessen. 


Mafalda
reiht sich mühelos in die Klassiker des Comicstrips ein und ist dabei ziemlich gut gealtert. Die hier vorliegende Zusammenstellung des Carlsen Verlags baut ihre Kapitel nach Personen oder Themen auf. Es gibt zu jedem Kindercharakter ein Kapitel und zu Themen wie Mafaldas so sehr gehasster Suppe, dem Weltgeschehen oder Fernsehen. Dadurch sind einige Strips aus dem chronologischen Kontext gerissen und gerade Guille tritt in den unterschiedlichsten Altersphasen durcheinander auf. Das ist aber nicht weiter störend. Ich fand es eher reizvoll, gerade bei den Charakterkapiteln, sich näher mit einer Figur beschäftigen zu können und so auch eine gewisse Leitschnur zu haben, die bei Comicstrip-Kompilationen meist schwer zu finden ist.

Die Simplizität und Geradlinigkeit zeichnet Quinos Humor aus: Strip aus Band 5 der Bibliothek der Comic-Klassiker, Quinos Mafalda.
Die Simplizität und Geradlinigkeit zeichnet Quinos Humor aus.
 


Mafalda
war Quinos einziger internationaler Erfolg, er hat all seine Liebe und sein Herzblut in dieses kleine Mädchen und ihre Freunde gesteckt – das ist bis heute spürbar. Am 30. September 2020 hat Quino die Weltbühne verlassen, aber Mafalda lebt fort und sorgt sich an seiner statt um den Zustand der Welt.

[Mechthild Wiesner]

Abbildungen © Carlsen Verlag, Hamburg 2021 / Quino


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Oder beim Verlag: Carlsen Verlag

Frisch Gelesen Folge 256: Lenz

»So lebte er hin.«


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Lenz – Eine grafische Novelle nach Georg Büchner

Story: Georg Büchner und Andreas Eikenroth
Zeichnungen: Andreas Eikenroth

Edition 52
Hardcover | 80 Seiten | Farbe | 18,00 €
ISBN: 978-3-948755-05-8

Genre: Literaturadaption

Für alle, die das mögen: Klassiker, Biografien, anspruchsvolle Zeichnungen



Eigentlich habe ich nie den Weg zu den Zeichnungen von Andreas Eikenroth gefunden. Seinen Woyzeck habe ich gelesen. Allerdings waren mir die Arbeiten des Gießener Künstlers immer zu abstrakt, zu skurril und zu wenig naturalistisch. Dass ich dennoch von seiner neuen Graphik Novel Lenz schwärme, liegt an eben diesen drei Gründen. Doch der Reihe nach.


Schon Andreas Eikenroths Woyzeck ist zu abstrakt, zu skurril und zu wenig naturalistisch.


Georg Büchner starb 1837. Er war übrigens auch an der Universität Gießen eingeschrieben, was vermutlich nicht unerheblich dazu beiträgt, dass Eikenroth sich mit ihm beschäftigt. In seinem Vorwort zur Graphic Novel legt der Comickünstler dann auch dar, dass er von Büchner fasziniert ist. Zwei Jahre nach Büchners Tod veröffentlichte seine Braut den Lenz-Text. Inwiefern er vorher durch sie oder seinen Freund Karl Gutzkow bearbeitet wurde, ist nicht bekannt. Büchner schildert in seinem Stück - ob es sich um ein Fragment oder eine Novelle handelt, ist bis heute strittig - den geistigen Zusammenbruch des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 – 1792). Lenz hielt sich seinerzeit in Waldersbach bei dem Pfarrer Oberlin auf. Dieser lieferte auch einen detaillierten Bericht des Zusammenbruchs, auf den sich Büchner bei seinem Werk stützt.


Von Beginn an bleibt Eikenroth sehr nah Georg Büchners Original.


Eikenroth bleibt sehr nah am Text von Büchner, was ich als sehr wichtige empfinde. Literaturadaptionen, bei denen das Ursprungswerk massiv verändert wird – abgesehen natürlich von den zwingend erforderlichen großen Streichungen –, entbehren für mich jeder Logik. Eikenroth übernimmt ganze Textpassagen aus dem Originalwerk und schließt dankenswerter Weise mit dem kultigen Originalzitat aus Büchners Feder: »Am folgenden Morgen bei trübem, regnerischem Wetter traf er in Straßburg ein. Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten. Er tat alles wie die anderen es taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen. Sein Dasein war ihm eine notwendige Last. So lebte er hin.«


Lenz auf seinem Weg nach Straßburg.


Bis Eikenroth zu diesem Schluss kommt, muss er aber noch den geistigen Zusammenbruch einer Künstlerseele in Bilder fassen. Die Worte hat ihm Büchner geliefert. Und jetzt kommen die von mir in vorherigen Arbeiten leider zu wenig geschätzten Eigenschaften von Eikenroths Zeichenstil zum Tragen: abstrakt, skurril und wenig naturalistisch. Denn das Verschwimmen von Realität und Wahn, wie es Lenz im Fortgang seines Zusammenbruchs immer stärker erlebt, lässt sich durch diese Art von Zeichnungen hervorragend umsetzen. Beispielsweise wenn sich Menschen in Tiere verwandeln, der Teufel hinter einem Sessel hervorlugt oder er von religiösen Wahnvorstellungen geplagt wird.


Lenz wird von religiösen Wahnvorstellungen geplagt.


Eikenroth gibt in ganzseitigen Panels, die wiederum nicht in einzelne Panels unterteilt sind, verschiedene Lebenssituationen von Lenz wieder. Dabei gelingt es Eikenroth, dem Kenner von Büchners Werk durch seine Zeichnungen ganz neue Aspekte vor Augen zu führen, während er dem Leser, der bisher noch keine Berührung mit Lenz hatte, ein Werk des Vormärz näherbringt.

Ich gebe neun von zehn Revolutionären.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2019, 2021 Edition 52 / Andreas Eikenroth


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Oder beim Verlag: Edition 52

Frisch Gelesen Folge 255: WCM 1: Die Nacht der reitenden Leichen

Die Nacht der reitenden Leichen Teaser

»Ach ja? Was hast du denn mit uns vor?«
»Wir könnten ja übers Wochenende zusammen aufs Land fahren. Ich kenne da ein hübsches kleines Hotel! Und dann die frische Landluft …«

Frisch Gelesen Folge 254: Mila Superstar 1



»Jeder Volleyballspieler verstaucht sich mindestens zehnmal einen Finger, bis er einigermaßen gut spielen kann.«


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Mila Superstar (Luxury Edition), Bd. 1

Story:
Chikako Urano
Zeichnungen: Chikako Urano

Egmont Manga
Hardcover | 522 Seiten | s/w | 25,00 €
ISBN: 978-3-7704-4274-4

Genre: Sport

Für alle, die das mögen: Haikyu!!, Slam Dunk, Cross Game



Gemeinhin gilt, dass Literatur niemanden mehr bewegt. Was waren das für Zeiten, als sich reihenweise die Leser des Werther die Lichter auspusteten und damit den bis dahin unbekannten Dichter Johann Wolfgang von Goethe zu seinem Ruhm verhalfen! Da lösten Bücher noch etwas aus – und sei es nur der Griff zur Waffe. Und seitdem? Stillstand. Das Publikum versackt ausschließlich im Lesemobiliar bei der Lektüre. So nehmen es Kulturpessimisten zumindest an. Alles falsch. Wie ein Manga 1968 zeigte.

Doch zuerst mussten dafür die Japanerinnen bei den Olympischen Spielen 1964 die Goldmedaille im Volleyball holen. Als einziges ungeschlagenes Team des Wettbewerbs. Und Volleyball war als Disziplin zum ersten Mal überhaupt bei den Olympischen Spielen in diesem Jahr vertreten. Lediglich einen Satz gaben die Japanerinnen bei diesem Turnier ab. Die Euphorie für den Sport erfasste Japan. Und vier Jahre später erschien mit Mila Superstar die passende Lektüre dazu. Die Wirkung des Manga lässt sich kaum überschätzen.

Mit zunehmender Länge werden die Sportszenen dynamischer bei Chikako Urano.
Im Laufe des ersten Bandes folgen auch noch Erklärungen zum Volleyball-Spiel selbst
.


Denn Mila Superstar richtete sich an ein weibliches Publikum – als erster Sportmanga. Davor ging es in Sportmanga vornehmlich um Baseball oder Schwertkampf. Mit männlichen Hauptcharakteren. Durch die Olympischen Spiele 1964 erhielt das ganze Genre noch einmal einen Schub. Nur konsequent, dass Mangaka Chikako Urano die Idee zu Mila Superstar hatte. Und umso erstaunlicher, dass keine deutsche Ausgabe erschien. Bis jetzt.

Denn mit seiner Luxury Edition bringt Egmont Manga die Serie nun als vierbändiges Hardcover heraus. Mit wertigem Papier und gutem Druck. Bereits im ersten Band wird auch klar, welchen Prozess Urano als Künstlerin durch die Serie machte. Wirken manche Partien noch sehr ungelenk, nehmen die Details und Bewegungen mehr und mehr zu. Eine unglaubliche Dynamik und präzise Einteilungen der Bilder sorgen für die Geschwindigkeit während des Lesens. Zudem verzichtete Urano auf allzu viele Details in den Hintergründen. Die Charaktere und ihre Bewegungen – der Sport überhaupt – steht so perfekt im Fokus jeder Seite.

Meisterin der Glanzaugen: Mila Superstar richtete sich als erster Manga über Sport an ein weibliches Publikum.


Die Geschichte des ersten Bands lässt sich einfach zusammenfassen: Die zwölfjährige Mila kommt an ihre neue Schule und spielt dort Volleyball. Und auf jedes gegnerische Team folgt bald noch ein stärkeres gegnerisches Team, das sich nur durch besonders hartes Training besiegen lässt. Mila und ihre Sportsfreundinnen sind dabei jedoch nicht einmal Sympathieträger. Mehr als einmal sorgt der Ehrgeiz für Unmut im Umfeld. Trotzdem bleibt das Fieber für Mila und ihr Team auf jeder Seite. Sie sollen einfach gewinnen, weil sie so fest an ihr Ziel glauben.

Wer bis jetzt noch nie einen Manga gelesen hat, sollte um Mila Superstar einen großen Bogen machen. Urano arbeitet zwar gänzlich ohne Kitsch, aber dafür mit massiven Glanzlichtern in den Augen von Mila. Ihre Augen funkeln auf jeder Seite aufgrund ihres Traums, die beste Volleyballspielerin aller Zeiten zu werden. Einen kleinen Teil Romantik gibt es zwar ebenso, aber der Sport steht komplett im Mittelpunkt.

Nicht nur Sport, sondern auch der Schulalltag beschäftigt Mila und ihre Freundinnen. (Was wäre die Welt ohne das Drama einer Schule? Eben.)

So trug Mila Superstar die Euphorie für Volleyball in Japan noch bis in den November 1970, bevor die Serie ihr Ende fand. In Deutschland löste übrigens der Anime ein ähnliches Phänomen aus und begeisterte in den Neunzigerjahren viele Jugendliche für Volleyball. (Aufschlag pariert, lieber Werther.) Wie ernst es Japans Volleyballerinnen übrigens meinten, zeigt sich an einem Zitat der damaligen Mannschaftsführerin Masae Kasai: »Wir haben keine Erfahrung im Verlieren. Wir müssen gewinnen«, sagte sie dem Nachrichtenmagazin Spiegel. Sie war Teil eines Teams aus gedrillten Arbeiterinnen, die nach Dienstschluss noch unter härtesten Bedingungen trainierten. Nach fast jedem Training, so der Spiegel weiter, hätten bis zu vier der Mädchen im Betriebslazarett behandelt werden müssen. Bei Mila verstauchen sich Volleyballspieler hingegen nur gerade zehnmal einen Finger, bis er oder sie einigermaßen gut spielen kann. Wer Sport deswegen für Mord hält, sollte dann doch vielleicht beim Werther bleiben. Auch wenn ihm ein großartiger Manga dadurch entgeht.


[Björn Bischoff]

Abbildungen © 2021 Egmont Manga / ATTACK NO.1 - POCKET EDITION - © 2003 by Chikako Urano / HOME-SHA Inc.


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Oder beim Verlag: Egmont Manga

Frisch Gelesen Folge 253: Die Vögel - fliegen hoch!

Szene aus Die Vögel - fliegen hoch!

»Was war?«
»Banküberfall.«
»Wozu brauchst du so viel Geld?«
»Spielschulden.«


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Die Vögel – fliegen hoch!Titelbild von Arne Zanks Die Vögel - fliegen hoch!

Story: Arne Zank
Zeichnungen: Arne Zank

Ventil Verlag
Hardcover | 128 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 978-3-95575-146-3

Genre: Humor, Komödie, Krimi

Für alle, die das mögen: Die viereckige Welt der Kubixe (Jacoby & Stuart), Ein kleiner Schritt für die Menschheit (Jaja Verlag), Abenteuer in Rio (Spielfilm, 1964)



Der Blick fällt auf ein quadratisches Hardcover, das drei sonderbare Typen zeigt, die in einem Auto sitzen und unschwer als Federvieh zu identifizieren sind. Doch was soll das sein, dieses Vögel-Dingsda mit einer Aneinanderreihung krakeliger Zeichnungen und Sprechblasen, die ähnlich zittrig gelettert sind? Ein Kinderbuch oder ein Skizzenband? Weder noch. Arne Zank, der alles schrieb und illustrierte, erzählt hier eine erstaunlich lange, aber gar nicht langweilige Story, die auf den ersten Seiten so gar nicht zur gewählten Optik passen will. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ist der Leser voll drin und merkt, dass diese simpel erscheinende Grafik viel Raum für die eigene Vorstellungskraft lässt.

 Titelbild von Die Vögel - fliegen hoch! Lädt zum Schmunzeln ein: das Cover von »Dr.« Arne Zanks Comic.


Schon das Titelbild lädt zum Schmunzeln ein. Das vorgeschaltete »Dr.« vor dem »Arne Zank« klingt schwer nach dem Missbrauch eines akademischen Titels, denn Zank ist kein Doktor, dafür aber hauptberuflich Schlagzeuger bei der Band Tocotronic. »Kriminell« geht es auch im Innenteil weiter. Ein großer Vogel überfällt eine Bank, was mit nur drei Panels superschnell abgehandelt ist, und türmt danach mit einem kleineren. Damit beginnt eine irre Odyssee, die die beiden über Land, Wasser und sogar nach Dänemark führt. Dänemark? Wieso ausgerechnet dahin? Des Rätsels Lösung: Die zwei lieben sich und wollen heiraten. Und das am besten gleich. Also liegt es nahe, es dort zu machen, denn in Dänemark gibt es das Jawort viel unbürokratischer als bei uns. Doch ganz so einfach geht das nicht, der Leser ahnt es von Anfang an. Und überhaupt, im Rahmen einer Flucht klingt das einfach nur nach einer Schnapsidee. Aber was soll's, weiter geht's!

Leseprobe aus Die Vögel - fliegen hoch!Nicht die Welt retten, sondern mal kurz eine Bank überfallen.


Das Duo ist ständig in Bewegung und dreht dabei einige krumme Dinger. Ganove bleiben eben Ganove. Und was ist mit Planung oder Voraussicht? Nichts. Chaos ist also programmiert. Trotzdem klappt vieles leidlich gut, denn auf der Flucht wird ihnen oft und gerne geholfen. Vögel müssen ja schließlich zusammenhalten. Allerdings nimmt es unser Lieblings-Bankräuber mit der Ganovenehre nicht so genau und schwärzt schon mal einen Kollegen an, vor allem wenn er sich damit einer Verhaftung entziehen kann. Das sorgt selbstverständlich für zusätzliche Verstrickungen und erschwert das weitere Fortkommen.

Leseprobe aus Die Vögel - fliegen hoch! Auf der Flucht: kurze Verschnaufpause auf dem Bauernhof. Und: Es sind noch viele Seiten zu lesen.


Dieses Album ist klasse! Nahezu jede Seite bietet neue Eindrücke und daraus resultiert ein spritzig unterhaltsamer Lesestoff. Können die Helden noch einmal ihren Hals aus der Schlinge ziehen? Wohin werden sie noch fliehen? Zank legt bei seiner liebenswerten Story um einen notorischen Kriminellen ein rasantes Tempo vor, hält das bis zum Schluss ohne Ermüdungserscheinungen durch und verhaspelt sich an keiner Stelle. Diese erzählerische Hast macht viel Spaß und überträgt sich schnell auf den Leser. Trotzdem ist genaues Hinsehen erforderlich, manchmal sogar Innehalten. Zu schnell ist etwas überlesen oder übersehen. Höchste Konzentration ist also angesagt. Überhaupt: Dieser Band lädt förmlich dazu ein, mehrmals gelesen zu werden. Hier eine interessant Frage. Um was für Vögel handelt es sich bei den Helden überhaupt? Wohl um weiße – obwohl diese gelb sind. Hühner vielleicht. Auch hier gibt es jede Menge Spielraum. Mag jemand weiße Enten? Kein Problem, dann sind es eben weiße Enten.

Leseprobe aus Die Vögel - fliegen hoch!Mit kaputtem Bein muss Fahrstuhl schon sein, auch wenn die Verfolger nahen. Ohne Worte, die schrägen Vögel sind einfach nicht zu fassen.


Als Zugabe versammelt das letzte Kapitel »Frühe Vögel« die Abenteuer ihrer Vorgänger, die so aussehen, als wären sie unter Zuhilfenahme von Zirkel und Lineal entstanden. Es handelt sich hierbei um schwarzweiße querformatige Kurzstrips aus den Jahren 1997 bis 2001, die jeweils eine Drittelseite belegen. Die sind aber bei weitem nicht so witzig, wie die aktuell vorliegende Räubergeschichte.

Die Vögel – fliegen hoch! ist ein toller Band mit Protagonisten, für die 3G oder 4G gilt, je nachdem, wie die Worte gezählt werden: »geflügelt, gerissen, geben Gas«!

[Walter Truck]

Abbildungen © 2021 Ventil Verlag / Arne Zank


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Oder beim Verlag: Ventil Verlag

Frisch Gelesen Folge 252: Celestia

»Mein Name ist Kind. Aber in Zukunft nennt man uns Mensch. Und noch später wieder anders, manche Namen sind noch gar nicht erfunden.«


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Celestia

Story: Manuele Fior
Zeichnungen: Manuele Fior

avant-verlag
Hardcover | 272 Seiten | Farbe | 29,00 €
ISBN: 978-3-96445-057-9

Genre: Lyrik

Für alle, die das mögen: Die Übertragung, Die schwebenden Liebenden, Jäger und Sammler



Irgendwas ist passiert. Die Insel Celestia, eine Stadt, die eventuell Venedig sein könnte, liegt zu einem großen Teil unter Wasser. Auch auf dem Festland ist alles nass, so als wäre eine Flut gerade erst abgelaufen. Zudem gab es eine Invasion, gegen die Burgen gebaut wurden, aber, erzählt eine Frau, »… als sie dann kamen, waren es Millionen. Haben alles überrollt, was ihnen im Weg stand und sind nie mehr umgekehrt.« Sodass sich natürlich die Frage stellt, was das Problem ist, wenn die Invasoren nie mehr umgekehrt sind – die sind dann doch weg, oder? Aber das ist nur eine von sehr vielen Fragen, die die neue Graphic Novel von Manuele Fior unbeantwortet lässt.

Celestia ist von der ersten Seite an eine Aneinanderreihung von Rätseln. Da ist Pierrot, der Gedanken lesen kann, ungern allerdings, und auf Dora trifft, die ähnlich begabt ist. Das Duo muss sich gegen eine Bande brutaler Arschlöcher verteidigen, die wie im venezianischen Karneval verkleidet sind, hat aber Verbündete in einer Gruppe junger Menschen, die ebenfalls telepathisch begabt sind. Außerdem geht es manchmal um Sex, auch da sind die Verhältnisse unklar. Auf der Flucht vor den Arschlöchern verlassen die beiden schließlich die Stadt und machen sich auf einen Roadtrip durch eine postapokalyptische, doch friedliche Landschaft, der keinerlei Schrecken anzusehen ist.


Manuele Fior ist der poetischste unter den großen Poeten des modernen europäischen Comic. Seine Geschichten schweben oft im Vagen: Da ist was, aber was genau ist unklar. In Die Übertragung, in der ebenfalls eine Dora mitspielt, die ebenfalls telepathisch begabt ist und der Dora in diesem Band ähnelt, gibt es Kontakt zu Außerirdischen oder was auch immer, ganz klar ist das nicht, aber drumherum existieren genug Anknüpfungspunkte, um die Geschichte zumindest emotional nachvollziehbar zu machen. Die fehlen in Celestia fast völlig. Der Band ist wie ein Beispiel für die häufig geäußerte, aber völlig falsche Vermutung, Poesie sei nicht verständlich und müsste es auch nicht sein.

Tatsächlich lässt sich Lyrik selten nach-denken, aber in der Regel nach-fühlen. Dafür braucht es allerdings emotionale Anker, die hier über endlose Passagen fehlen. Wir wissen nicht, was passiert ist, warum es Telepathen gibt, warum in jedem der futuristischen Gebäude, die unterwegs passiert werden, irgendwelche Leute leben, was die tun und was das soll. Einige Momente funktionieren: Wenn Pierrot und Dora einen Ort erreichen, an dem nur Kinder leben, die verstörend übererwachsen sind, wird das jeden berühren, der jemals mit Kindern zu tun hatte. Nicht selten sprechen auch die Bilder für sich.


Die Zeichnungen sind ohnehin die große Stärke des Bandes. Die in den klaren Linien der Körper und Gebäude amorph hingeworfenen Farben geben allem etwas leicht Fluides, das sich in den verschwommenen Landschaften widerspiegelt. Manches ist einfach nur schön

 

anderes überraschend detailliert

 

vieles erfrischend vage


Schwierig wird es nur, wenn Fior versucht, seine Geschichte zu erzählen. Was auch daran liegt, dass es keine nachvollziehbaren Charaktere gibt: Die Motivation der Hauptfiguren lässt sich gerade noch zusammenreimen, die anderen Figuren sind nett oder böse, ambivalent ist auch nicht selten – aber warum? Das bleibt unklar. Und auf Entwicklung ist nicht zu hoffen – die meisten Figuren scheinen innerlich recht unbeweglich. Das Buch wirkt überhaupt sehr statisch, bis es das zum Schluss plötzlich nicht mehr ist, als sich mit einem Mal alles ändert. Aber warum? Keine Ahnung.

Manchmal hatte ich das Gefühl, ich lese einen Corona-Comic. Alles ist leer, die Menschen sind weit voneinander entfernt, über allem schwebt eine vage Verlorenheit. Da ist was passiert. Und jetzt müssen wir damit leben. Könnte sein. Es könnte aber auch um irgendwas anderes gehen. Und das ist keine Qualität von Poesie. Die erschafft in den Lesenden Bilder, die sich in Worten nicht beschreiben lassen, aber trotzdem spezifisch sind – wir fühlen alle dasselbe. Zu Celestia dagegen kann sich jeder irgendwas was denken. Aber warum?

[Peter Lau]

Abbildungen © 2021 avant-verlag / Manuele Fior


Kauft den Comic im gut sortierten Comicfachhandel: CRON-Händlerverzeichnis

Oder beim Verlag: avant-verlag

Frisch Gelesen Folge 251: Die Panther

Die Panther Gesamtausgabe

»Nun, ich fahre in die Wohnung, bevor ich Kakerlaken vertreiben muss. Ich nehme den Mini, ja?«
»In Ordnung, und geh einkaufen … In 24 Stunden richte ich dort mein Hauptquartier ein, und du kennst mich ja: Vom Denken bekomme ich immer Hunger!«
»Kapiert! Einen Haufen Fische wegen des Phosphors!«

Frisch Gelesen Folge 250: Dein Bücherregal verrät dich

Dein Bücherregal verrät dich

»Ich beurteile Bücher ja nie nach dem Cover. Buchrücken aber sind etwas völlig anderes.«

Frisch Gelesen Folge 249: Verlagswesen

Verlagswesen

»Ja, nee, hab‘ schon geguckt. Die müssen wir mal neu bestempeln.«
»Annette sagt immer ›wir‹ und dann muss die Praktikantin alles alleine machen, hehe.«

Frisch Gelesen Folge 248: Pankat

Merwans Comic "Pankat" dürfte nicht jedem schmecken.

»Ich will Pankat-Meister werden.«


FRISCH GELESEN: Archiv


PankatWuchtig, aber auch ein wenig klobig kommt das Titelbild daher.

Text: Merwan
Zeichnungen: Merwan

Schreiber & Leser
Hardcover | 216 Seiten | Farbe | 32,80 €
ISBN: 978-3-96582-065-4

Genre: Action, Martial Arts

Für alle, die das mögen: ungelenke Anfänge, Kampfsport, Mechanica Caelestium



Die Erwartungen an diesen Comic waren so gigantisch wie die Stadien, in die uns Merwan Chabane im vergangenen Jahr in Mechanica Caelestium entführte. Seine Tribute-von-Panem-Variation, in der die Gegner nicht niedergemetzelt, sondern in einer Art postapokalyptischem Völkerball aus der Arena geschleudert werden, war nicht nur für meinen Kollegen Wolfram Neun der »Comic-Volltreffer des Jahres!« (ALFONZ 1/2021). Merwans Story war so flott wie die Würfe seiner Protagonistin Aster. Die Begeisterung für diesen Underdog mit angeklebtem Fuchsschwanz schwappte mühelos von den Rängen auf den Comicseiten ins heimische Wohnzimmer über:

Begeisterte Massen in Merwans "Mechanica Caelestium": Das Publikum feuert Aster an.

Nun also ein neuer Comic im selben Format und mit einer ähnlichen Geschichte. Statt mit Bällen wird diesmal mit Fäusten und Füßen ausgeteilt. Es geht um den Kampfsport Pankat, der dem Comic seinen Namen gibt. Wer ihn beherrscht, dem Winken Ruhm und Ehre. Der junge Mané ist eigens dafür durch die Wüste gereist, um in einer fernen, mittelalterlich-arabisch anmutenden Stadt zum Pankat-Meister aufzusteigen. Das Ende seiner strapaziösen Reise sieht atemberaubend aus:

Vergleichsweise eindrucksvoll ist der Auftakt von "Pankat" gestaltet.

Kaum angekommen, geht der Geschichte aber schon die Luft aus, weil Merwan nicht weiß, was er erzählen will. Mané tritt der Kampfsportschule des Lehrmeisters Eiam bei und trainiert für ein großes Turnier. Abseits der täglichen Prügelstunden lässt er sich mit dem Terroristen Fessat ein, der das neu errichtete Pankat-Stadion in die Luft sprengen will. Und nebenbei bandelt er furchtbar ungeschickt mit einem Mädchen an. Soll Pankat also eine Coming-of-Age-Geschichte über das Erwachsenwerden eines Grünschnabels sein? Oder die sportliche Aufsteigergeschichte eines Außenseiters? Oder ein sportpolitischer Thriller mit Verweisen auf den modernen Fußball und die FIFA? Merwans Comic ist von allem ein bisschen, aber nichts richtig, worunter die Figuren leiden. Sein Protagonist Mané ist so unbeständig wie die Handlung, die mehrfach die Richtung und Tonalität wechselt. Durchdacht und ausgearbeitet ist weder das eine noch das andere, und Frauen kommen nur als eindimensionale Randfiguren vor. Durch den Bechdel-Test fällt dieser Comic krachend! Aus feministischer Perspektive ein echter Tiefschlag. Wie kann das sein, nachdem in Mechanica Caelestium eine mehrdimensionale Frau allen zeigte, wer die (kurzen) Hosen anhat?

Während sich Merwan in "Mechanica Caelestium" aufs Wesentliche beschränkt ...

Die Antwort liegt in der Vergangenheit, denn Pankat ist eben nicht der heißersehnte neue Comic, als den ihn viele Fans, ja selbst einige Kritiker aufgefasst haben. Diese Geschichte steht ganz am Anfang von Merwans Karriere und ist in Frankreich bereits ab 2004 erschienen – zunächst in Albenform, dann als Gesamtausgabe beim Verlag Vents d'Ouest. Im vergangenen Jahr legte die Edition Glénat die Gesamtausgabe noch einmal neu auf, woher wohl auch das Missverständnis rührt, hier liege ein aktueller Comic vor, denn im Impressum ist lediglich das Jahr 2020 angegeben, wie sich im gesamten Comic kein einziger Hinweis darauf findet, dass wir hier Merwans zeichnerische und erzählerische Anfänge betrachten.

... sind Kompositionen wie diese in "Pankat" kaum zu finden.

Zeichnen konnte der 1978 geborene Franzose, der seine Karriere beim Animationsfilm begann, auch schon 2004, wie das oben abgebildete Figurenensemble aus Fessat, Mané und Eiam (von links nach rechts) eindrucksvoll beweist. So wohl komponiert wie in diesem Beispiel ist die Seitenarchitektur in Pankat allerdings nur selten. Statt großer Bilder produziert Merwan viel zu viel Kleinklein. Auf die folgende Seite quetscht er sage und schreibe 23 (!) Panels:

Stattdessen gibt es furchtbar viel Kleinklein.

Das ist so unübersichtlich, dass die Lektüre zur Tortur gerät − Manés Unterricht nicht unähnlich. Und von der Dynamik späterer Comics ist das mehr als einen Handkantenschlag entfernt. Wie viel Merwan in den folgenden Jahren dazugelernt hat, wird klar, wenn man beide Comics nebeneinander legt. In Mechanica Caelestium sehen Actionszenen so aus:

Wo "Mechanica Caelestium" durch Dynamik punktete ...

Wenige Bewegungsabläufe genügen, um Tempo zu erzeugen. Im letzten Panel auf der linken Seite ist der Antritt förmlich spürbar. Und am Ende dieser Doppelseite hat man das Gefühl, gemeinsam mit der Figur über den Abhang zu rutschen. In Pankat sieht Action hingegen noch so aus:

... bremst "Pankat" jegliche Dynamik mit Statik aus.

Die Bewegungen der Kämpfer sind so bleiern wie die Anordnung der Panels. Ungelenke Verrenkungen, so weit das Auge reicht. Wer eine Geschichte erwartet, die auch nur annährend so mitreißt wie Mechanica Caelestium, sollte die Finger von diesem Comic lassen. Alles, was Mechanica Caelestium so großartig macht, ist aber bereits in Pankat angelegt − von der locker-leichten Kolorierung bis zu atemberaubenden Landschaftsaufnahmen und Stadtansichten:

Tolle Stadtansichten wie diese sind aber bereits zu finden.

Wer sich für Merwan und dessen Anfänge interessiert, kann also unbesorgt zugreifen. Nur einen »Comic-Volltreffer« sollte niemand erwarten.

[Falk Straub]

Abbildungen © 2020, 2021 Schreiber & Leser / Merwan


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Frisch Gelesen Folge 247: Groß werden mit den Schlümpfen 1

»Danke, Schlaubi, dass du heute bei mir schläfst!«


FRISCH GELESEN: Archiv


Groß werden mit den Schlümpfen 1: »Der Schlumpf, der Angst im Dunkeln hat«

Story: Falzar, Thierry Culliford
Zeichnungen: Antonello Dalena

toonfish
Hardcover | 38 Seiten | Farbe | 8,95 €
ISBN 978-3-967-92715-3

Genre: Kindercomic

Für alle, die das mögen: Geschichten zum gemeinsam Lesen, entstaubte Klassiker



Ich habe bei meiner Mama zu Hause, in meinem alten Kinderzimmer, einen Schuhkarton, in dem all meine Schlümpfe aus meiner Kindheit leben. Diese Kiste haben natürlich längst meine Töchter erobert und spielen mit der gleichen Freude und Leidenschaft mit ihnen, wie ich das in meiner Erinnerung getan habe. Und die Figuren sind auch wirklich nicht kleinzukriegen. Weder wird das Material spröde, noch sind die Figuren ästhetisch nicht mehr ansprechend. Die Schlümpfe sind zeitlose Klassiker. Und ich schätze, dass viele von uns noch Schlümpfe aus ihrer Kindheit haben, die sie an ihre Kinder weitergeben. Oder liebevoll in einer Vitrine sammeln. Jedenfalls ist es kein Wunder, dass es immer noch Neues aus Schlumpfhausen gibt.

Die Schlümpfe waren immer multimedial und hatten ein monströses Angebot an Merchandise im Gepäck. In vielen Ländern, so auch in Deutschland, wurden die Schlümpfe zuerst durch Ausstrahlungen von Zeichentrickserien im Fernsehen bekannt, bevor sie sich auch als Comics etablierten. Insgesamt ist zu sagen, dass Die Schlümpfe nach dem Ableben ihres Schöpfers Peyo als Comic nochmals richtigen Auftrieb erhalten haben. Nach Band 16, Der Finanzschlumpf, dem letzten Band, an dem Peyo noch mitgewirkt hat, ist die Reihe inzwischen bei Nummer 38 angelangt. Ein Ende ist nicht in Sicht. Aber auch neue Formate werden erprobt und hierzu zählt die Reihe Groß werden mit den Schlümpfen, um die es hier gehen soll.


Fürchti fürchtet sich selbst vor Weichtieren. Der Gesichtsausdruck der Schnecke ist sogar noch besser als der von Hefty.


Wie auch bei den klassischen Schlumpf-Comics zeichnet für den Text Thierry Culliford verantwortlich, der Sohn von Peyo. Sich in den Fußstapfen des Vaters bewegend versucht Culliford,die nächste Generation an Schlümpfe-Fans heranzuziehen. Und erkennt hier genau den richtigen Ort: Die kuschelige Couch oder noch besser: das Bett! Und genau dahin verziehe ich mich auch mit meinen Töchtern, um mit ihnen gemeinsam den ersten Band der Reihe zu lesen, Der Schlumpf, der Angst im Dunkeln hat. Die Kinder sind sofort dabei. Das Erzähltempo ist angemessen, der Font ist so gewählt, dass auch meine Leseanfängerin selbst lesen kann. Die Zeichnungen sind frisch und modern und wunderbar schlumpfig, besonders die Gesichtsausdrücke der Schlümpfe sind für die Kinder klar lesbar. Antonello Dalena, der auch schon für Entenhausen seinen Zeichenstift schwingen durfte, liefert hier eine gute digitale Arbeit ab.

Die Geschichte ist natürlich schnell erzählt. Fürchti, der ängstliche Schlumpf, hat Angst vor dem Einschlafen. Alle Schlümpfe im Dorf versuchen ihn auf ihre Art und Weise zum Schlafen zu bringen. Bis Schlaubi aus Zufall auf die Lösung stößt, aber ich möchte ja hier nun nicht alles verraten. Am Ende findet zumindest Fürchti seinen Schlaf und das Dorf kann wieder seinen gewohnten Lauf nehmen.


Wenn nachts die Schatten an der Wand zu fürchterlichen Monstern werden …


Darauf folgen nochmals sechs Seiten, die von der Psychologin und Psychoanalytikerin Diane Drory geschrieben sind. Hier wird grundlegend erklärt, was Angst eigentlich ist und dass sie für sich genommen erst mal eine gute Sache ist. Dann wird darüber gesprochen, wann Angst zu viel wird und was man dagegen tun kann. Abgerundet wird das Ganze noch mit Tipps vom Experten, von Papa Schlumpf höchstpersönlich. Diese Tipps können Eltern ihren Kindern vorlesen oder sie gemeinsam umsetzen. Wir haben gemeinsam eifrig diskutiert und über Ängste gesprochen, die Angst vor dem begehbaren, fensterlosen Kleiderschrank in unserem Schlafzimmer, den meine Tochter nur »die Geisterkammer« nennt, konnte das Buch aber nicht ausräumen. Und klar kann so ein Büchlein nur an der Oberfläche kratzen, aber die Idee ist toll und die Umsetzung ist wirklich ansprechend.


Alle bemühen sich, damit Fürchti endlich schlafen kann.


Mich persönlich freut an den Comics, dass hier praktisch umgesetzt wird, dass Comics auch eine gemeinsame Leseerfahrung in der Familie sein können und nicht nur das traditionelle Bilderbuch oder das Vorlesebuch. Comics helfen, Lesetechniken zu etablieren wie die Leserichtung oder Gesprochenes von Fließtext unterscheiden zu können. Für den niedrigen Preis sind diese kleinen Bände ein hübsches Geschenk, das man der ganzen Familie machen kann. Und was soll ich sagen – die Schlümpfe lieben einfach alle!

[Mechthild Wiesner]

Abbildungen © 2021 Splitter, toonfish / Falzar, Thierry Culliford, Antonello Dalena


Kauft den Comic im gut sortierten Comicfachhandel: CRON-Händlerverzeichnis

Oder beim Verlag: Splitter

Frisch Gelesen Folge 246: In der Tusche liegt die Wahrheit

In der Tusche liegt die Wahrheit Teaser

»Mein Sohn ist Comiczeichner.«
»Da können sie stolz sein. Meiner ist nur Arzt.«

Frisch Gelesen Folge 245: Mary Shelley

 

»Die Männer sprachen über Kunst, Philosophie, Politik und Whiskey. Die Frauen sprachen über die Dinge, über die Frauen der besseren Gesellschaft sprechen. Aber Du nicht.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Mary Shelley – Die Comic-Biografie der Frankenstein-Schöpferin

Story: Alessandro di Virgilio
Zeichnungen: Manuela Santoni

Knesebeck
Hardcover | 131 Seiten | s/w | 20,00 €
ISBN: 978-3-95728-490-7

Genre: Biografie

Für alle, die das mögen: künstlerische Graphic Novels, biografische Comics, Romantik



Eigentlich halte ich die Neunte Kunst für völlig ungeeignet, um das Leben einer historischen Persönlichkeit wiederzugeben. Das Medium stößt meiner Meinung nach hier definitiv an seine Grenzen, denn Biografien sind einfach zu komplex, um sie lesbar in Bildern mit etwas Text zu packen. Ja, sicher, es gibt da Ausnahmen – Reinhard Kleist ist so eine Ausnahme. Aber seine biografischen Geschichten konzentrieren sich in der Regel auf einen herausragenden Aspekt eines Lebenswerkes.

Das ich dennoch zum Comic von Alessandro di Virgilio und Manuela Santoni gegriffen habe, liegt daran, dass mich die dunkle Seite der Romantik seit jeher besonders faszinierte – und Mary Shelley war eine ihrer schillerndsten Vertreterinnen. Etwas zurückhaltend wurde ich beim ersten Ansehen des Covers, trägt doch die Graphic Novel auch noch den vielversprechenden (oder auch nicht) Untertitel »Die Comic-Biografie der Frankenstein-Schöpferin«. Und eines ist nach zweimaligem Lesen klar: Diesen Anspruch kann der Band nicht halten.


Die Biografie deckt einige der wichtigsten Stationen aus dem Leben Mary Shelleys ab.


Di Virgilio schenkt uns Schlaglichter aus dem Leben der Gothic-Ikone. Leser, die sich erstmalig mit dem Leben von Shelley beschäftigen, denen Literaturkreise, Lord Byron oder das gesellschaftliche Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fremd sind, werden sich verloren fühlen in dem Band. Dafür ist er zu wenig erklärend. Aber das kann eine Graphic Novel nach meinem Empfinden auch gar nicht leisten. Was sie aber leisten kann, ist Stimmung und Empfindungen wiedergeben. Das gelingt di Virgilio sehr schön.

Der aus Neapel stammende Comicautor entwirft ein Gesellschaftsbild, das für die Erziehung und Charakterbildung Shelleys entscheidend war. Im gesamten 19. Jahrhundert waren die Damen schmückendes Beiwerk. Eigenständiges Handeln ihrerseits war nicht erwünscht. Kleinste Anstrengungen, und sei es nur eine Plauderei zum Nachmittagstee, hatten zur Folge, dass die Damen, zumindest in der gehobenen Gesellschaft, sich ausruhen mussten. Shelly bewegten sich genau in diesen Kreisen. Das sich daran in den nächsten Jahrzehnten nichts änderte, kann man übrigens sehr genial in Bram Stokers Dracula ersehen. Der Roman – immerhin 79 Jahre nach Frankenstein erschienen – entwirft mit den beiden Protagonistinnen Mina Murray und Lucy Westenra Spiegelbilder eben jenes Frauenverständnisses. Dabei bedient sich di Virgilio einer besonderen Erzählperspektive: Er lässt Frankensteins Monster zu Mary Shelley selbst sprechen. Das schafft Bindung an die Figur und an die Autorin. Andererseits reduziert es die große Autorin auf ein Werk.


Der Autor Alessandro di Virgilio lässt dabei Frankensteins Monster direkt zu Shelley sprechen ...


Denn was aus meiner Sicht in der Graphic Novel zu kurz kommt, sind im wesentlichen zwei Dinge: Erstens ist es das besondere Verhältnis, das sie zu Lord Byron und seinen literarischen Zirkeln hat, und zweitens wird das – wie eingangs befürchtet – hochkomplexe Leben einer Frau viel zu sehr zusammengeschnitten. Sicherlich erwähnt di Virgilio die Zeit von Shelley, damals noch Mary Godwin, mit dem verheirateten Dichter Percy Bysshe Shelley, mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte. Die Zeit, die sie mit ihm und dem schon damals berühmten romantischen Dichter Lord Byron und seinem Leibarzt John Polidori verbrachte, wird leider viel zu kurz dargestellt. Denn hier entstand ihr bekanntestes Werk Frankenstein oder Der moderne Prometheus, ein Buch, das Shelleys Ruhm wesentlich bis weit ins 20. Jahrhundert begründete. Und von dieser Engstirnigkeit bei der Rezeption ihres Werkes, die bis in die 1970er Jahre vorherrschte, kann sich auch di Virgilio nicht lösen. Das ist schade, denn so wird Shelleys Schaffen, ihr Können und ihre Kunst viel zu eindimensional dargestellt.

Wer sich aber hauptsächlich auf schöne Bilder und stimmungsvolle Panelfolgen freut, der wird an der Graphic Novel Spaß haben. Das liegt vor allem an der Arbeit von Manuela Santoni. Die 1988 geborene Zeichnerin hat einen robusten, fast schon holzstichartigen Stil. Sie schafft die nötige Atmosphäre, auch mit dem sehr spärlich verwendeten Rot, das in wenigen Panels Zorn, Wut, Verlangen oder Zeit besonders herausstreicht. Ihr harter Strich vermittelt von Anfang an: Leute, hier wird euch etwas geschildert, dass schon über 200 Jahre her ist.

245 mary shelley s 114 115
... und Zeichnerin Manuela Santoni setzt mit spärlich verwendetem Rot Akzente.


Unterm Strich ist Mary Shelley – Die Comic-Biografie der Frankenstein-Schöpferin mehr ein Augenschmaus als eine fesselnde Biografie der Romantikerin Shelley. Ich gebe fünf von zehn Nachtmeerfahrten.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2021 Knesebeck / Alessandro di Virgilio, Manuela Santoni


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Oder beim Verlag: Knesebeck