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Frisch Gelesen Folge 387: Die Jugend von Durango 1

 

 »Ich habe mein Pferd verloren und keine Arbeit.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Die Jugend von Durango Band 1: »Der Erste, den du töten wirst«

Story: Yves Swolfs
Zeichnungen: Roman Surzhenko

Splitter
Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 17,80 €
ISBN: 978-3-98721-144-7

Genre: Western

Für alle, die das mögen: Durango, Italo-Western, Bouncer



Mitte der 1980er-Jahre hielt ich einen Comic in Händen, der mich völlig umhaute: »Hunde heulen im Winter«, den Auftaktband der Serie Durango des Belgiers Yves Swolfs. Ein Wahnsinns-Band. Dabei hatte ich seinerzeit noch gar nicht so viele Italo-Western gesehen. Spiel mir das Lied vom Tod kannte ich und vielleicht noch einen aus der Dollar-Trilogie. Die ganze Genialität, einen Comic zu machen mit den Stilmitteln des Spaghetti-Western, konnte ich deshalb noch nicht erfassen. Mich faszinierten einfach das Storytelling und der Plot.

Spätestens mit dem Band »Ohne Gnade« ist die Serie aber auserzählt. Denn mit diesem Band treibt Swolfs den Grundgedanken, das Destruktive des Italo-Western auf die Spitze – danach kann nichts mehr kommen. Die folgenden Alben, bei denen Swolfs auch nur das Szenario lieferte, sind daher allenfalls ein Abklatsch der früheren Genialität. Wie steht es aber mit einem Prequel zur Serie? Prequels sind in der Neunten Kunst keine Seltenheit – im Gegenteil, sie erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Leser jubeln, weil sie noch mehr von ihren Helden erfahren und die Verlage jubeln, weil Prequels wie Lucky Kid oder Die Jugend von Blueberry die Kasse klingeln lassen. Vielleicht war es daher nur eine Frage der Zeit, bis auch Durango seine Jugendabenteuer zum Besten geben darf.

Für Die Jugend von Durango griff Swolfs selbst wieder zum Stift, um das Szenario zu verfassen. Der Plot ähnelt den bereits bekannten Durango-Episoden und bietet keine Überraschung. Der junge Durango beobachtet, wie ein professioneller Killer drei Männer tötet. Er ist schockiert und meldet den Mord dem nächsten Sheriff. Die drei Cowboys waren auf der Farm von Warren beschäftigt, für den der junge Durango nun arbeiten soll. Ehe er sich versieht, ist er mittendrin in einem Farmerkrieg. Oder zieht jemand ganz anderes die Strippen im Hintergrund?

Obwohl die Geschichte auf zwei Bände angelegt ist (Band zwei folgt im Juni), wird der geneigte Leser schnell merken, dass es sich sicherlich nicht um einen Streit unter Farmern handelt. Vermutlich sind der Bürgermeister oder der Sheriff oder beide involviert. Das ist viel zu durchsichtig und damit die größte Schwäche des Bandes. Die Geschichte ist zwar solide erzählt, das Artwork von Roman Surzhenko kommt dem hyperrealistischen Zeichenstil von Swolfs auch sehr nahe, aber das reicht eben nicht.

Alles, was Durango auszeichnet, die fehlende Gut-gegen-Böse-Charakterisierung, wenig Dialoge oder die morbide Grundstimmung, habe ich bei seinen Jugendabenteuern vergeblich gesucht. Als Protagonist wurde Durango zu einem Gegenentwurf, zum klassischen Cowboy und stets schwatzenden John Wayne. Mit Die Jugend von Durango ist er nun vom Pferd gestiegen und hat sich Johns Outfit ausgeliehen und angezogen.

Die Jugend von Durango ist ein solide gemachtes Comicalbum, das aber weder im Storytelling noch in der Geschichte wesentlich Neues bietet. Für Sammler sicherlich kein Fehlkauf, allen anderen empfehle ich die ersten 13 Bände der Serie. Von den 15 Patronen, die in eine Mauser passen, den kultigen Revolver von Durango, hat der junge Revolverheld deshalb maximal sieben im Magazin.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2023 Splitter / Yves Swolfs, Roman Surzhenko


Den Comic gibt's im gut sortierten Comicfachhandel oder direkt beim Verlag: Splitter