Der österreichische Comiczeichner Chris Scheuer war in den 1980er-Jahren eines der deutschsprachigen Talente, die auch im Ausland anerkannt wurden und Erfolge feiern konnten. Nun ist der 1984 mit dem ersten Max-und-Moritz-Preis als »bester deutschsprachiger Comic-Künstler« ausgezeichnete Künstler gestorben. Ein Nachruf von Volker Hamann.
Chris Scheuer (1952–2026)
Flughafen Graz, ein früher Morgen Ende März 1993. Chris Scheuer und seine Frau Gertraud hatten mich gerade durch die österreichische Steiermark gefahren, damit ich pünktlich meine Maschine nach Hamburg erwische. Hinter uns lagen vier Tage, in denen mir die Familie Scheuer in ihrem gemütlichen Bauernhaus in der Oststeiermark Unterkunft gewährt, fürs leibliche Wohl gesorgt und mir die schöne Landschaft gezeigt hatte. Der eigentliche Grund meines Besuchs in Österreich geriet aufgrund der Gastfreundlichkeit der Scheuers mitunter in Vergessenheit, und immer wieder mussten der Zeichner und ich uns daran erinnern, weshalb ich zu Besuch war: Ein Buch wollten wir zusammen machen mit dem Titel LocoMotiv, eine Art Retrospektive der Comickunst Chris Scheuers. Es sollte das erste und einzige dieser Art sein und war für mich schon damals eine Art Vermächtnis des großartigen Comickünstlers, der nun im Alter von 73 Jahren gestorben ist.
Chris Scheuer kannte ich aus seiner »Hamburger Zeit«, als er mit seiner viel beachteten Serie Sir Ballantime im Moxxito-Magazin begonnen hatte und für diverse Werbeagenturen tätig war, die zum Großteil in der Hansestadt an der Elbe ansässig waren. Ich arbeitete für den Versandhandel Hummelcomic, wo wir gerade den ersten Band von Matthias Schultheiss' neuester Serie Talk Dirty produziert hatten, und offenbar schätzte Scheuer unsere Arbeit und unsere vertrieblichen Möglichkeiten. Und so wurde aus der Idee ein konkreter Plan, der aufgrund des nahenden 1. Internationalen Comicfestivals in Hamburg möglichst schnell in die Tat umgesetzt werden sollte und mich für vier Tage nach Österreich brachte.
Chris Scheuer, 1993
Chris Scheuer hatte mir von seiner Kindheit am Grazer Rosenberg erzählt, wo er durch seinen Großvater und Vater inspiriert worden war, selbst mit dem Zeichnen zu beginnen. Der Vater war Maler und Bildhauer, verdiente seinen Lebensunterhalt als Restaurateur und schließlich als Antiquitätenhändler; da lag es für den kleinen Chris nahe, zu helfen: »Vater hat schon gewusst, dass ich die Sache nicht verhauen würde. Schlimmstenfalls hätte er es nachbessern müssen, aber er musste nichts nachbessern. Die Selbstverständlichkeit, mit der in der Familie mit Papier und Zeichenstiften umgegangen wurde, hat dazu geführt, dass ich schon immer aberwitzig viel gezeichnet habe.«
Von seinen Lehr- und Wanderjahren hatte Chris Scheuer voller Begeisterung erzählt, vor allem, wenn es um Musik und andere Künstler ging. Noch während seiner Schulzeit hatte er Künstler wie Albrecht Dürer, Alfred Kubin, Gustave Doré oder Wilhelm Busch schätzen gelernt und die Beatles und die Rolling Stones entdeckt, war fortan dem Rock'n'Roll verfallen und hatte zeitweise in einer eigenen Band gespielt. »Das war der Beginn meines Denkens, meiner Selbständigkeit.« Scheuer erlebte die Studentenunruhen Ende der 1960er-Jahre mit, wurde vom Geist der Revolution gepackt. »Es war die Welt um mich herum, die mich beanspruchte. Alles war in Bewegung. Und die Kraft dieses Widerstands erwuchs aus der Musik, aus dem Rock'n'Roll.«
Illustration der Beatles, 1965
Von den anschließenden Jahren, seiner »anarchischen Phase«, erzählte mir Chris Scheuer noch immer voller Begeisterung: Jahre voller Reisen wie im Rausch, in denen der Zeichner Teil einer Gruppe war, die die Dreieinigkeit von Wissenschaft, Kunst und Geist propagierte. »Alles war möglich, von der Weltreise bis zum Knast.« Im Gefängnis lernte Scheuer den Amerikaner Jaime kennen, der ihn ermutigte, sein Zeichentalent zu verfolgen, und gemeinsam eröffneten die beiden Aussteiger in Amsterdam einen Laden, in dem geschnitzte Elfenbeinfiguren angeboten wurden, die Jaime nach den Entwürfen Scheuers fertigte.
Zurück in Österreich lernte Scheuer Raymond Martin kennen, der in seinem Volksverlag verschiedene Comicmagazine herausgab. Gerade hatte der Zeichner spaßeshalber einen Comic mit dem Titel »Sandoz« gezeichnet, den er dem Verleger zeigte und der dann im Magazin Schwermetall publiziert wurde. Nachdem er einmal einen Fuß in der Tür zur Comicszene hatte, schaute Scheuer sich nach weiteren Publikationsmöglichkeiten um. »Ich hatte eine zweiseitige Geschichte gezeichnet, die ich ›Titelhelden‹ genannt hatte, weil mir für Titelhelden von Comics nie Namen einfallen. Mit dieser Geschichte bin ich nach Wien gefahren, um sie der Redaktion vom Comic Forum vorzulegen.« Im österreichischen Fachmagazin veröffentlichte damals Markus Tschernegg seine Artikel und Texte, vornehmlich über frankobelgische Comics. »Er hat damals das Wort vom ›Phönix aus der Asche‹ auf mich gemünzt und versucht, mich ideologisch an die frankobelgische Szene anzubinden. Er und Raymond Martin waren letztlich diejenigen, die das Potenzial meines Stils richtig eingeschätzt haben.«
Scheuers erste Veröffentlichungen, darunter die vom Comic Forum publizierten Alben Sheshiva und eine Anthologie, begründeten dann den legendären Ruf vom begnadeten Zeichner aus Österreich, der ihm nicht nur den ersten Max-und-Moritz-Preis des Erlanger Comic-Salons 1984 einbrachte, sondern bald schon das Interesse von Agenten und ausländischen Verlagen an seinen Arbeiten förderte. Auf der Frankfurter Buchmesse lernte Scheuer Paul Derouet kennen, der mit dem Gedanken spielte, eine Agentur für Comiczeichner zu gründen und die Arbeiten des Österreichers in Frankreich herumzeigte. Zusammen mit dem Szenaristen Rodolphe entstand daraufhin für das Magazin Charlie Mensuel die Serie »Marie Jade«, für die Scheuer in Paris seine erste internationale Auszeichnung erhielt.
Schon bald interessierte sich auch der Carlsen Verlag für Chris Scheuer, aber den Projektstatus hat die Geschichte über Indien, eine Art Vorläufer seiner späteren Comicreihe Sir Ballantime, nie verlassen. »Darunter, dass ich während der monatelangen Arbeit daran keinen Groschen Geld verdient habe, hat am Ende die ganze Familie gelitten. Da haben wir gesagt, wir wollen jetzt endlich mal Geld sehen. So sind wir nach Hamburg gefahren.« Scheuer konzentrierte sich auf eine lukrative Tätigkeit in der Werbung und fertigte Visuals und Storyboards für Agenturen an. Der Zeichner verdiente gutes Geld und konnte sich nebenbei wieder Sir Ballantime widmen. Dessen neue Fassung nach einem Szenario seines Landsmanns Wolfgang Mendl wurde zunächst im Carlsen-Magazin Moxxito und dann als Album im Hamburger Verlag veröffentlicht. »Nach Fertigstellung des ersten Bands habe ich mich aber erst mal wieder voll in die Werbung gestürzt. Ich brauchte das. Alles, was ich an Schulung früher vielleicht doch verpasst hatte, die geschäftlichen und die funktionalen Aspekte des Kunsthandwerks, habe ich mithilfe der Werbeagenturen nachgeholt. Dabei ist der zweite Teil von Sir Ballantime schlichtweg auf der Strecke geblieben.«
Auch nach seiner aus familiären Gründen erfolgten Rückkehr nach Österreich Anfang 1991 arbeitete Scheuer hauptsächlich für Werbeagenturen und immer weniger für Comicverlage. Die schnelle Arbeit für den Entwurf und die Visualisierung hatte seinen Stil verändert; aus dem eleganten und verspielten Strich waren effektive, wenn auch immer noch hochgradig illustrative Zeichnungen geworden. Was mir damals auf dem Rollfeld des Flughafens noch nicht ganz klar war: Unser Buch LocoMotiv würde die Karriere eines Comiczeichners dokumentieren, dessen Wirken in der Comicszene nahezu beendet war. Chris Scheuer sollte zwar gelegentlich immer wieder seine Nase in das Geschehen und den Markt mit Comics stecken, etwa, als er im Jahr 2000 mit Die sonderbaren Abenteuer des Sir Bell'Ol'Times eine parodistische Fortsetzung seiner Sir-Ballantime-Erzählung vorlegte. Sämtliche Comicprojekte beschränkten sich allerdings auf ihr experimentelles Wesen, waren keinem großen Publikum zugänglich und verfolgten die zuvor von Scheuer begonnenen Serien nur selten.
Fast zwanzig Jahre lang schaltete Chris Scheuer in Sachen Comic im Vergleich zu früher mehrere Gänge zurück und sah zu, dass er mit zwei, drei größeren Aufträgen pro Jahr über die Runden kam. Umso überraschender für seine Fans war die Ankündigung eines gemeinsam mit dem österreichischen Schriftsteller Matthias Bauer angegangenen Projekts: So ganz loslassen wollte ihn die Begeisterung für Comics wohl doch nicht und er lebte seine Leidenschaft fürs narrative Erzählen mit der Comicadaption der Horror-Kurzgeschichtensammlung Reiche Ernte erneut aus. Deren 16 Episoden waren 2018 im Blitz-Verlag erschienen und erregten Scheuers Aufmerksamkeit, der sie nun in wechselnden Zeichenstilen in Szene setzte und insgesamt fünf Bände mit Gruselstorys vollendete. »Bei einem Nachbar hatte ich gerade den Film Northmen – A Viking Saga gesehen«, so Scheuer, »als mich eine Anfrage von Matthias Bauer erreichte, der auf der Suche nach einem Zeichner war.« Und Scheuer war gerade in der richtigen Stimmung, sich diesem Projekt zu widmen, seinem umfangreichsten in Sachen Comic seit den 1990er-Jahren.
Zuletzt arbeitete Scheuer an seiner Autobiografie in Comicform, von der 2023 der erste Band in der vom ehemaligen Schwermetall-Herausgeber Achim Schnurrer initiierten edition aleph publiziert wurde und die der Österreicher im Jahr darauf auf dem Comic-Salon Erlangen seinem nach wie vor großen und treuen Publikum vorstellte. Es war das letzte Mal, dass ich Chris Scheuer persönlich traf, der gemeinsam mit seinen Söhnen Aaron und Tobias angereist war. Ein besonderer Moment für mich, mit dem sich ein 33 Jahre zuvor begonnener Kreis schloss.
Danke, Chris, für deine freundliche und kreative Art und die vielen tollen Zeichnungen, die ich von dir betrachten und in Händen halten durfte.
[Volker Hamann]
Chris Scheuer auf dem Comic-Salon Erlangen, 2024
© Fotos: Edition Alfons









