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20 Jahre Splitter - Interview zum Jubiläum

In diesem Herbst feiert der Splitter Verlag sein 20-jähriges Bestehen. Der Bielefelder Verlag, der einst mit Science Fiction und Fantasy loslegte, bringt inzwischen sogar Manga heraus und ist mit mehr als 200 veröffentlichten Titeln pro Jahr längst eine Feste Größe in der deutschsprachigen Comiclandschaft. CRON hat den Verlag besucht und zwei Verantwortliche zum Gespräch gebeten.

Ein Jubiläum steht ins Haus –
CRON hat in Bielefeld nachgefragt


Im Herbst 2006 veröffentlichte der Bielefelder Splitter Verlag mit Das verlorene Paradies und Die Schiffbrüchigen von Ythaq seine ersten Reihen. Damals bestand das Team des Verlags aus den drei Gründern Dirk Schulz, Horst Gotta und Delia Wüllner. Aktuell setzt die Redaktion sich aus zwölf Leuten zusammen und monatlich erscheinen zwischen 20 und 24 Titel. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums hat CRON die Splitter-Redaktion besucht und mit Verleger Dirk Schulz sowie Redakteur Sven Jachmann über die Geschichte des Verlags, Erfolge und Flops und die Kunst des Comiclesens gesprochen.

Dirk Schulz

Wie kam es zur Gründung des Verlags?

[Dirk Schulz]: Comics beschäftigen mich seit meiner Kindheit. Als Achtjähriger habe ich mit dem Zeichnen angefangen. Beim alten Münchner Splitter Verlag von Jürgen Janetzki habe ich meine ersten Comics veröffentlicht. Nach dem Konkurs des Verlags wechselte ich zu Carlsen. Dort habe ich mit Joachim Kaps, der später Tokyopop und altraverse gründete, zusammengearbeitet, etwa bei dem Magazin Magic Attack. Dabei konnte ich viele Kontakte nach Frankreich knüpfen. Und ich habe festgestellt, dass mir das Verlegen von Comics Spaß macht. Hinter mir lagen 15 Jahre als Comiczeichner, einem der härtesten und schlecht bezahltesten Jobs der Welt. Irgendwann habe ich Horst Gotta kennengelernt, der einen ähnlichen Werdegang hatte wie ich. Zusammen mit Delia Wüllner haben wir rumgesponnen, mal einen eigenen Verlag zu gründen. Er sollte unbedingt Splitter heißen. Wegen meiner Vergangenheit dort, vor allem aber, weil mir ein ähnliches Programm vorschwebte. Ich hatte Glück, denn der Name war frei. Patentrechtlich muss so was alle zehn Jahre verlängert werden und das war nicht geschehen. Zu Beginn bekamen wir einen riesigen Shitstorm ab. Der alte Splitter Verlag hatte einen miesen Ruf bei Händlern und Lizenzgebern. Überall standen noch hohe Beträge aus. Wir waren jedoch nicht Rechtsnachfolger und hatten außer dem Namen nichts übernommen. Einige Leute ärgerten sich über abgebrochene Serien. Wir bedauerten, dass Serien wie Die Chroniken des Schwarzen Mondes oder das ganze Troy-Universum zu Carlsen oder Ehapa gegangen waren. Die hätten wir gerne gehabt. Dennoch fand die Verlagsgründung zu einem günstigen Zeitpunkt statt.


[Sven Jachmann]:
Die meisten Verlage hatten damals die Veröffentlichung von frankobelgischen Alben massiv heruntergefahren. Ich bin seit 2008 bei Splitter. Eigentlich wollte ich ein Porträt über den Verlag schreiben. Erst war ich Letterer, seit zehn Jahren bin ich Redakteur.

Ihr habt als Verlag für frankobelgische Comics für Erwachsene angefangen. Wie hat sich Splitter seitdem entwickelt?

[Dirk]: Unser Programm bestand am Anfang komplett aus Science Fiction und Fantasy. Damit waren wir recht erfolgreich. Als es um den Ausbau ging, erschien es uns nicht sinnvoll zu sein, nur auf diese beiden Genres zu setzen. Wir wollten eine breitere Leserschaft ansprechen. 2010 haben wir toonfish gegründet. Unter dem Label veröffentlichen wir Funnys und Kindercomics wie Die Schlümpfe. Etwa um diese Zeit haben wir auch US-Comics ins Programm aufgenommen.

[Sven]: Unser erster US-Comic war die Stephen-King-Adaption Der Dunkle Turm. Das war 2009, glaube ich. Die anderen US-Titel sind meist in unser Buch-Segment gerutscht. Das sind vom Format her etwas kleinere, an Graphic Novels angelehnte Ausgaben.

[Dirk]: Wir wollen so viele Leute wie möglich für Comics begeistern. Das ist mein Credo. Für mich ist Comic das geilste Medium. Die Kombination aus Text und Bild ist einmalig. Im Unterschied zum Film bestimmt man das Timing selbst. Töne und Stimmen denkt man sich selbst aus. Comic regt die Fantasie ähnlich an wie ein Buch und ist doch anders, da man das Setting nicht komplett im Kopf entstehen lassen muss.

Im vergangenen Jahr habt ihr auch Manga ins Programm aufgenommen. Was ist bei euch anders als bei anderen Verlagen?

[Dirk]: (lacht) Ob etwas anders ist, weiß ich nicht …

[Sarina Wassermann (Presse- und Social-Media-Redakteurin)]: Na ja, wir machen schon viel Euromanga.

[Dirk]: Das stimmt. Natürlich geht es auch darum, unsere Leserschaft zu erweitern. Wenn man junge Leser erreichen will, geht es heute nicht ohne Manga, glaube ich. Manga spukte uns lange durch den Kopf. Wahrscheinlich zu lange und wir hätten früher damit anfangen müssen. Der Markt ist inzwischen super voll. Der zeitliche Aufwand hat uns lange abgeschreckt. Wir sind ein relativ kleines Team. Ein, zwei Leute nur für Manga abzustellen, ist nicht drin. Dazu kommt, dass die Japaner oft anstrengend im Lizenzeinkauf sind. Wir haben lange versucht, frankobelgische Themen einem jüngeren Publikum schmackhaft zu machen. Mit mäßigem Erfolg. Unsere Graphic Novels wie Dantes Inferno sprechen literarisch Interessierte an. Allzu viele jüngere Leute sind eher nicht darunter, würde ich schätzen. Wie alt unser Publikum ist, kann ich gar nicht genau sagen. Wenn ich Rückschlüsse von denen ziehen müsste, die bei Messen an unseren Stand kommen, dann scheint unsere Leserschaft im Durchschnitt zwischen 30 und 40 Jahre alt zu sein.

Was sind eure größten Erfolge und Flops?

[Dirk]: Mythen der Antike ist einer unserer größten Erfolge. Seit dem Start vor fünf Jahren drucken wir regelmäßig Bände nach. Das habe ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Aus künstlerischer Sicht sind die Bände solide, aber nicht außergewöhnlich. Jeder Band hat einen Anhang, der bei den Lesern gut ankommt. Die Schlümpfe laufen ebenfalls gut. Sie waren aber auch an einem unserer Flops beteiligt. Wir haben mal die alten Schlümpfe-Comics in einem Kleinformat neu aufgelegt. Da hat sich kaum jemand für interessiert. Leider auch nicht gut funktioniert hat Unter den Bäumen.

[Sven]: Das ist ein wunderschöner Comic für Kinder in vier Bänden. Jeder Band spielt zu einer anderen Jahreszeit. Wir haben vier Einzelalben in einem Schuber veröffentlicht. Im Schuber steckte viel Produktionsaufwand, was den Flop umso größer machte. Ein Flop anderer Art ist Trump! von G.B. Trudeau. In der ersten Auflage 2017 lief der großartig und bekam viel positive Presse. Vom Nachdruck haben wir dann kaum Exemplare verkauft. Anders unsere Alice-im-Wunderland-Adaption. Die haben wir seit 2008 im Programm und drucken ständig nach. Es ist schwer, einen generellen Trend auszumachen. Große Marken wie Schlümpfe oder Turtles sind Selbstläufer. Von anderen Verlagen höre ich, dass Sachcomics verstärkt gefragt sind. Da würde ich Mythen der Antike einordnen. Einer unserer größten Bestseller ist Die alten Knacker. Ein originärer Stoff, der an keine Marke anknüpft.

[Dirk]: Meine Mutter hat ihr Leben lang keine Comics gelesen, bis ich ihr den Mythen-Band »Die Ilias« gegeben habe. Danach hat sie die ganze Reihe gelesen. Sie findet die Comics großartig, obwohl es ihr darin oft zu freizügig zugeht. Ich finde es toll, wenn man Leute dazu kriegt, Comics zu lesen. Es gibt eine Theorie, die besagt, Menschen müssten in jungen Jahren ans Comiclesen gewöhnt werden, sonst können sie es nicht. Es gibt ja Leute, die nur die Texte lesen oder nur die Bilder angucken. Beides zusammen funktioniert für sie nicht.

Wonach wählt ihr die Titel aus, die ihr ins Sortiment aufnehmt?

[Dirk]: Viel ist Bauchentscheidung. Nach Messen wie in Leipzig oder Bologna bieten Dutzende Verlage Hunderte Titel an. Bei Science Fiction und Fantasy ist die Auswahl relativ einfach. Passt die Grafik? Ist die Geschichte originell? Da liegt man selten daneben. Bei Adaptionen oder bestimmten Themen ist es schwieriger. Wir haben eine Reihe über Regisseure. Der erste Band über Quentin Tarantino verkaufte sich unfassbar gut. Danach hatten wir Martin Scorsese und Steven Spielberg. Dafür interessieren sich kaum Leute. Da fragt man sich: warum? Svens Theorie ist, dass wir zu viele Filmcomics in zu schneller Folge im Programm hatten.

[Sven]: Es ist immer ein bisschen Lotto dabei.

Das Design eurer Bände ist von Anfang an ziemlich einheitlich geblieben.

[Dirk]: Das Design unserer Alben ist an Soleil angelehnt. Mit dem Verlag haben wir von Anfang an zusammengearbeitet. Auf dem Buchrücken gibt es immer ein kleines Bild. Für mich ist das eine wichtige Orientierungshilfe. Im Regal sehen die Bände relativ gleich aus. Nummer, Namen und das Splitter-Logo sind möglichst auf gleicher Höhe. Ein-, zweimal mussten wir mit Verlagen darum kämpfen, unser Design zu behalten. Die hatten sich zwar auch etwas Gutes ausgedacht, doch es passte nicht zu unserer Linie. Eine Rolle spielt auch, dass wir alle unsere Alben bei der gleichen Druckerei in Deutschland drucken lassen. Das gleichbleibende Format verringert dort den Arbeits- und Kostenaufwand.

[Sven]: Das einheitliche Design vereinfacht uns ebenfalls die Arbeit. Wäre jeder Band mit Formatfragen verknüpft, würde das viel Zeit kosten. Der Wiedererkennungswert ist auch ein Aspekt.

Hat sich eure Arbeitsweise im Laufe der Jahre durch die Digitalisierung verändert?

[Dirk]: Im Prinzip nicht. Als wir 2006 angefangen haben, bekamen wir noch viel auf CD. Jetzt geht alles über den Server. Als ich noch selber gezeichnet habe, musste ich meine Sachen erst nach München schicken. Dort wurden sie gescannt und auf Film gedruckt. Das war deutlich komplizierter als heute. Jürgen Janetzki hatte den Laden voll mit alten Filmen. Eigentlich hat man die nur vom Verlag geliehen und dann zurückgeschickt.

Ein Teil der aktuellen Redaktion: Franziska Nagel, Sarina Wassermann, Sven Jachmann, Dirk Schulz und Jannis Sonntag (v.l.).


Gibt es eigentlich einen frankobelgischen Stil?

[Sven]: Von einem einheitlichen Stil würde ich nicht sprechen. Es gab mal zwei konkurrierende Schulen, aber das ist längst vorbei.

[Dirk]: Über die Jahre sind viele Einflüsse aus Spanien und Italien dazu gekommen. Gerade bei jüngeren Zeichnern sieht man die Einflüsse von Manga.

[Sven]: Bei US-Heften wird arbeitsteilig und industrieller gearbeitet. Beim Manga ist es ähnlich.

[Dirk]: Die Richtung ist schon anders als in den USA. Durch das große Format gibt es bei den frankobelgischen Comics mehr Bilder auf einer Seite und große Bilder sind detaillierter als bei den meisten US-Comics.

Lieber Dirk, lieber Sven, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Olaf Kieser

Abbildungen: © Splitter
Foto: © Olaf Kieser


Weitere Infos zum Jubiläum und zu allen Titeln gibt es direkt beim Verlag: Splitter