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Frisch Gesehen Folge 9: Punisher: One Last Kill

»Diese Einsamkeit ist wie ein Hunger, den man nicht loswird.«


The Punisher: One Last Kill

Drehbuch: Reinaldo Marcus Green, Jon Bernthal
Regie: Reinaldo Marcus Green

Disney+ 
USA, 2026 | 51 Minuten | Farbe | FSK: 18
Streamingstart: 13.05.2026

Genre: Superhelden

Für alle, die das mögen: Daredevil (Netflix-Serie), Daredevil: Born Again (Disney+-Serie)



Bei Disney+ gibt’s etwas ganz Spezielles. The Punisher: One Last Kill präsentiert Jon Bernthal in der Titelrolle des Punisher alias Frank Castle. In dieser Marvel Television Special Presentation sucht Castle nach einem Sinn jenseits der Rache, als ihn eine unerwartete Gegenspielerin zurück in den Kampf zieht. Regie führte Reinaldo Marcus Green nach einem Drehbuch, das Bernthal und Green gemeinsam verfasst haben. Die Sonderfolge feierte am 13. Mai 2026 um 3.00 Uhr exklusiv auf Disney+ Premiere.

Wer ist der Punisher?

Der Punisher hatte 1974 seinen ersten Auftritt in The Amazing Spider-Man #129. Die Geschichte wurde von Autor Gerry Conway und Zeichner Ross Andru umgesetzt. Die Figur des Bestrafers, der Selbstjustiz übt, war zur damaligen Zeit auch im Kino ein beliebtes Motiv, wie die Filme mit Clint Eastwood als Dirty Harry und Ein Mann sieht rot mit Charles Bronson unter Beweis stellen. Der Antiheld Frank Castle ist ein ausgebildeter Soldat, der sich nach der Ermordung seiner Frau und Kinder schwört, das Verbrechen zu bekämpfen.

Wo war der Punisher bislang zu sehen?

In der Zeit vor dem Marvel Cinematic Universe (MCU) gab es bereits Verfilmungen der Punisher-Comics, etwa 1989 mit Dolph Lundgren und 2008 mit Ray Stevenson. Relativ dicht an der Comicvorlage Welcome Back Frank von Garth Ennis war die Verfilmung von 2004 mit Thomas Jane in der Hauptrolle. Der aktuell »amtierende« MCU-Punisher tauchte in der Serie Daredevil von Netflix auf und erhielt dort auch eine Soloserie. Im Sommer 2026 wird er im neuen Spider-Man-Kinofilm vertreten sein.

Was muss ich gesehen haben, um mühelos bei The Punisher: One Last Kill einsteigen zu können?

Der mittellange Film steht für sich selbst und ist ohne Vorkenntnisse verständlich. Am meisten Freude wird er aber sicher Zuschauern der bisherigen Netflix-Serien bzw. der MCU-Serien wie Daredevil: Born Again bereiten. Ob dieses Werk eine Art Verbindungsstück von der zweiten Staffel Daredevil: Born Again zu Spider-Man: Brand New Day ist, bleibt abzuwarten.

Worum geht's bei The Punisher: One Last Kill?

New York, genauer gesagt Little Sicily, ist in einem desolaten Zustand. Wie in der Nixon-Ära der 1970er-Jahre schnellt das Verbrechen rapide nach oben. Ob die Ursache dafür der verbrecherische Bürgermeister Wilson Fisk ist, bleibt unklar. Vielleicht ist die »Ordnung« auch deshalb zusammengebrochen, weil der von Jon Bernthal verkörperte Frank Castle alias der Punisher die Mitglieder der Mafiafamilie Gnucci, die im Viertel das Sagen hatten, ausgelöscht hat. Der Film startet ohne weitere Erklärung mit marodierenden Jugendbanden, also ganz so, wie es in Filmen wie RoboCop (1987) oder Uhrwerk Orange (1971) inszeniert wurde. Ein Held ist weit und breit nicht in Sicht. Die Polizei wagt sich gar nicht erst in die Gebiete hinein, in denen mit Baseballschlägern, Macheten und Schusswaffen ausgerüstete Sadisten Angst und Schrecken verbreiten, offenbar vor allem aus Freude am Zerstören und um anderen Leid zuzufügen.

Derweil steckt Frank Castle in einer tiefen Sinnkrise. Vom Selbstmord ist er nicht mehr weit entfernt. Eine kluge Bildmontage verdeutlicht, wie sehr in seinem Inneren dauerhaft Kriegszustand herrscht. Er geht wie betäubt durch die Straßen, in denen geplündert und geprügelt wird, ganz so, als wäre die Außenwelt mit seiner Innenwelt synchronisiert: überall Gewalt, die zur Gewohnheit wird.

Eine ältere Frau, gespielt von Judith Light (Wer ist hier der Boss?, Transparent), konfrontiert den Punisher mit den Konsequenzen seiner Selbstjustiz-Feldzüge. Sie entpuppt sich als einzige Überlebende der Familie Gnucci, die Castle ausgelöscht hat, weil sie in die Ermordung seiner Familie verstrickt war. Nun beginnt eine Hetzjagd ganzer Horden von Killern, die Castle töten sollen – was durchaus an die Handlung des Films Ballerina aus dem John-Wick-Universum erinnert, allerdings ohne dessen Verliebtheit in coole Bilder und fast ohne Humor.

Für wen lohnt sich The Punisher: One Last Kill?

Für Fans brutaler Action, denn dieses Serien-Special ist ab 18! Das ist eine der größten Überraschungen, ist doch der Großteil der MCU-Werke im familienfreundlichen FSK-12-Bereich beheimatet. Der Film fühlt sich an wie einer der besseren Punisher-Comics, etwa aus der Ära von Marvel Knigts und Marvel Max, als Garth Ennis die Figur auf ihren bisherigen Zenit hievte.

Die Momente der Trauer, Zweifel und Einsamkeit Frank Castles fängt One Last Kill sehr beeindruckend ein. Und es könnte sich eine ganz neue Perspektive auftun, würde Frank auf eine Überlebende seiner Taten treffen, die ihn wirklich zum Nach- und Umdenken anregen würde: Wie weit will er seinen Rachefeldzug treiben? Wie sinnvoll bzw. sinnlos ist das Konzept der Rache generell? Und was bringt es im Speziellen, einzelne Verbrecher zu stoppen in einer Welt, in der dank korrupter Politiker wie Wilson Fisk und (zu) lockerer Waffengesetze die Strukturen für Leid und Elend aufrechterhalten werden? Das sind klassische Fragen zu Figuren wie Batman oder dem Punisher, die sich Frank Castle allerdings nicht stellt. Denn stattdessen trifft er mit der von Judith Light gespielten Mafia-Patin auf eine so unglaubwürdige Figur, dass One Last Kill vorübergehend fast in den B-Movie-Bereich abdriftet. Bevor es also tiefgründig werden könnte, ergeht sich der Film lieber in geradezu grotesker Gewalt.

Wirklich sehenswert sind allerdings die Stunts. Wenn sich Frank Castle durch seinen Wohnblock kämpft, dann ist das neben den melancholischen Momenten auf dem Friedhof zu Beginn das große Highlight dieses Films! Trotz oder gerade wegen der maßlos übertriebenen Gewalt wird überdeutlich, dass Justiz in einen funktionierenden Rechtsstaat eingebettet gehört. Erfreulicherweise ist Marvel/Disney so mutig, darauf zu vertrauen, dass das Publikum selbst erkennt: Es ist ein Film, es ist Katharsis und selbstverständlich wird hier keine Selbstjustiz, auch keine Gewalt verherrlicht. Ein erwachsener, gut gemachter Actionfilm, der vor allem Lust auf weitere Comics des Punisher weckt. Im kommenden Spidey-Film dürfte Frank Castle dann deutlich weichgespülter daherkommen.

[Stefan Svik]


Abbildungen © 2026 Disney+ / Marvel Television