»Wenn du magst, komm mit zu mir. Aber die Kameras bleiben an.«
FRISCH GELESEN: Archiv
Story: Axel
Zeichnungen: Axel
Splitter
Hardcover | 64 Seiten | Farbe | 19,80 €
ISBN: 978-3-96792-1427
Genre: Erotik, Pornografie
Für alle, die das mögen: Porno
Als comicbegeisterter Teenager in einem Nordsee-Kaff groß zu werden, ist nicht einfach. Bunte Bilder finden überall auf der Welt statt, nur nicht in der eigenen Stadt. Einzige Ausnahme: ein Laden mit LPs, Büchern und ein paar Comics – Carlsen und viel Volksverlag. Damals war jedes dieser Alben ein Fenster in eine aufregende, rebellische und oft wunderbar verruchte Welt. Wer in seiner Jugend die schmutzigen, tabulosen Erwachsenencomics des Volksverlags verschlang, suchte nach Abgründen, echter Provokation und erzählerischer Wucht. Mit genau dieser nostalgischen Erwartungshaltung – der Sehnsucht nach einem mutigen, europäischen Comicerlebnis für Erwachsene – habe ich Jahrzehnte später zu Der gläserne Raum von Axel gegriffen. Doch der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen könnte härter kaum sein.
Der Band dreht sich um Flavia, eine 44-jährige Frau, die ihren Lebensunterhalt als Camgirl verdient. Ihr gesamter Alltag in ihrer Wohnung wird von zahlreichen Webcams gefilmt und live ins Internet übertragen. In diesem »gläsernen Raum« fühlt sie sich sicher und kontrolliert. Die Handlung kommt in Schwung, als sie Marco kennenlernt, einen jüngeren Mann, der als Elektriker arbeitet. Es entwickelt sich eine Liebelei, die Flavias geregeltes, aber isoliertes Leben durcheinanderbringt. Die zentrale Frage des Comics ist, wie die Beziehung zwischen den beiden funktioniert, wenn Flavia weiterhin ihr gesamtes Privatleben (und auch ihre Intimität mit Marco) vor der Kamera teilt.
Hinter der glänzenden Fassade von Der gläserne Raum verbirgt sich nichts weiter als eine gähnende Leere, die uns Axel als tiefgründige Sozialstudie verkaufen will. Diese Graphic Novel ist das perfekte Beispiel für jene Art von prätentiöser Kunst, die Belanglosigkeit mit Tiefsinn verwechselt – mit dem Versuch, sie durch die detaillierte Darstellung von nackter Haut, Geschlechtsteilen und vielen Öffnungen interessant zu machen.
Wir begleiten Flavia durch einen Alltag, der so aufregend ist wie eine Tasse kalter Kaffee, während sie in ihrem »gläsernen Raum« Webcams bedient – ein Konzept, das vielleicht vor zwanzig Jahren noch als provokant durchgegangen wäre, aber bereits 2016, als der Comic in Frankreich veröffenticht wurde, nur noch ein müdes Lächeln hervorgerufen hat. Der Versuch, die Tristesse des Camgirl-Daseins künstlerisch zu überhöhen, scheitert kläglich an der völligen Abwesenheit einer packenden Handlung. Stattdessen werden wir mit endlosen, stummen Panels gequält, in denen absolut nichts passiert – außer Ficken.
Wer also gezeichnete Sexdarstellungen sucht, mag hier sein Glück finden. Denn Axel scheint zu glauben, dass das Zeichnen von Falten und einer unglamourösen Realität bereits ein geniales Statement sei, doch am Ende wirkt der visuelle Stil einfach nur schmuddelig und deprimierend. Es ist kein mutiger Naturalismus, sondern eine visuelle Kapitulation, die den Leser förmlich anfleht, das Buch endlich zuzuklappen. Die hinzugedichtete Liebesgeschichte mit dem Elektriker Marco ist zudem so klischeehaft und hölzern, dass man sich fragt, ob der Autor jemals eine echte menschliche Interaktion beobachtet hat.
Manche nennen es »sensibel«, ich nenne es schlichtweg ereignislos. Axel versucht in Der gläserne Raum, den banalen Alltag einer alternden Webcam-Darstellerin zu einer tiefschürfenden philosophischen Abhandlung über die Einsamkeit im digitalen Zeitalter aufzublasen. Das Ergebnis? Ein pseudophilosophischer Trip in die Bedeutungslosigkeit, der so tut, als würde er die Seele entblößen, dabei aber nur die Geduld des Publikums strapaziert. Wer seine Zeit sinnvoll verschwenden will, sollte lieber dem eigenen Wasserkocher beim Erhitzen zusehen – das bietet mehr dramaturgische Höhepunkte als dieser gläserne Raum.
Ich vergebe keinen einzigen von zehn möglichen Nackedeis.
[Bernd Hinrichs]
Abbildungen © 2026 Splitter / Axel
Den Comic gibt's im gut sortierten Comicfachhandel oder direkt beim Verlag: Splitter
