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Frisch Gelesen Folge 499: Aus der Spur

»Ich bin bereit, für einen Job zu stehlen, zu lügen und sogar zu töten. Und das sind keine leeren Worte.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Aus der Spur Band 1: »Davor«

Story: Pascal Bertho (nach dem Roman von Pierre Lemaitre)
Zeichnungen: Giuseppe Liotti

ZACK Edition
Hardcover | 69 Seiten | Farbe | 24,00 €
ISBN: 978-3-949987-95-3

Genre: Thriller, Noir, Gesellschaftsdrama

Für alle, die das mögen: bitterböse Sozialkritik, Abgründe der modernen Arbeitswelt, realistische Thriller



Wer das Werk von Pierre Lemaitre kennt, weiß um das ungemütliche Potenzial seiner Stoffe. Der Blattgold Verlag schickt sich an, mit Aus der Spur (im Original: Cadres noirs) ein sozialkritisches Schwergewicht des französischen Bestseller-Autors als dreiteilige Comicadaption zu präsentieren. Und schon der erste Band, passend untertitelt mit »Davor«, macht deutlich, dass uns hier kein sanftes Lesevergnügen, sondern ein intensiver Trip in die Abgründe des modernen Prekariats erwartet.

Der Einstieg in die Welt von Alain Delambre ist ein Schlag in die Magengrube. Der 57-jährige, einst erfolgreiche Personalchef ist seit Jahren arbeitslos und hangelt sich von einem erniedrigenden Aushilfsjob zum nächsten. Die Verzweiflung, die finanzielle Not und die schwindende Selbstachtung nagen an ihm und seiner Familie. Als ein zwielichtiges, aber verlockendes Jobangebot eines Großkonzerns auftaucht, ist er bereit, alles zu tun, um seine Würde zurückzugewinnen. Das Bewerbungsverfahren entpuppt sich jedoch als perfides Rollenspiel, das eine inszenierte Geiselnahme beinhaltet – und Delambre gerät in eine Spirale, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.

Pascal Bertho gelingt es meisterhaft, die dichte, psychologisch aufgeladene Atmosphäre von Lemaitres Romanvorlage in ein straffes Comicskript zu übersetzen. Die Verzweiflung und die Wut des Protagonisten sind auf jeder Seite spürbar. Doch erst die Zeichnungen von Giuseppe Liotti machen diese Adaption zu einem echten Erlebnis. Sein Stil ist ein moderner, kantiger Realismus, der perfekt zum Noir-Setting passt. Liotti zeichnet keine Helden, sondern gebrochene Menschen. Die Gesichter sind von Sorgen und Anspannung gezeichnet, die städtische Umgebung wirkt kalt und abweisend. Besonders in den stillen Momenten, in denen die Mimik von Alain Delambre seine ganze innere Zerrissenheit offenbart, entfaltet der Band eine enorme visuelle Kraft.

Der erste Teil »Davor« legt das Fundament für ein packendes Drama und etabliert meisterhaft die Fallhöhe seiner Hauptfigur. Auch wenn Kenner der Vorlage die Handlung bereits erahnen, schafft es diese Adaption durch ihre visuelle und erzählerische Dichte, von der ersten Seite an zu fesseln. Ein starker Auftakt, der Lust auf die Fortsetzung macht und beweist, dass die Kombination aus erstklassigem Thriller-Stoff und anspruchsvoller grafischer Umsetzung ein hochintensives Leseerlebnis schaffen kann.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2026 ZACK Edition / Pierre Lemaitre, Pascal Bertho, Giuseppe Liotti


Den Comic gibt's im gut sortierten Comicfachhandel oder direkt beim Verlag: ZACK Edition