Featured

Frisch Gelesen Folge 505: Charity & Sylvia

 

»Kommst du in die Hölle, dann komme ich mit.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Charity & Sylvia

Story: Tillie Walden
Zeichnungen: Tillie Walden

Reprodukt 
Hardcover | 264 Seiten | Farbe | 29,00 €
ISBN: 978-3-95640-553-2

Genre: Biografie

Für alle, die das mögen: I Love This Part (Avery Hill Publishing), Coming in (Splitter), United Queerdom (Carlsen)



Die titelgebenden Frauen Charity Bryant und Sylvia Drake gab es wirklich. Sie trafen sich 1807 in Vermont und lebten 44 Jahre lang als Paar, meist wohl sehr glücklich. Auch die Nebenfiguren, Verwandte, Freunde und Nachbarn, sind authentisch, genau wie die Kleidung, die Häuser, die Preise und natürlich die Nachrichten. Tillie Walden hat für das Buch intensiv recherchiert, vor allem im Henry Sheldon Museum in der Kleinstadt Middlebury, die direkt an das einstige Heimatdorf des Paares, Weybridge, grenzt – dort wird der Nachlass der beiden aufbewahrt. Auf www.charityandsylvia.com hat sie zu jeder Seite des Buches eine Quellenliste mit vielen Fotos und Zitaten erstellt, es ist quasi ein zweiter Band, der die enorme Tiefe ihrer Recherche deutlich macht.

Umso erstaunlicher ist es, dass es in dem Buch gar nicht um das geht, was eigentlich zu erwarten wäre bei einer Frauenliebe in einem so verbissen, wenn nicht fundamentalistischen christlichen Land wie den USA vor 200 Jahren: Diskriminierung, Gewalt, Verfolgung. Doch nichts davon ist Thema. Im äußersten Fall kommen mal Gerüchte zur Sprache, die aber im Hintergrund bleiben und den engsten Kreis der Menschen um das Paar kaum berühren. Das führt dazu, dass dem Buch die Klischees fehlen, mit denen in Büchern über historische queere Figuren Relevanz erzeugt werden soll, und andererseits viel Platz für wesentlich interessantere Themen bleibt. Innere Zerrissenheit zum Beispiel. Und vor allem Liebe.

Sylvia Drake und Charity Bryant treffen sich im Februar 1807 in Weybridge, Vermont. Sylvia ist eine junge Frau, die bei Familienmitgliedern leben muss, weil sie unverheiratet ist und es ohne Mann nicht anders geht. Zu dieser Zeit wohnt sie bei ihrer Schwester, die Besuch von einer Freundin aus Massachusetts bekommt: Charity. Sie ist ein paar Jahre älter als Sylvia und auf der Flucht vor Gerüchten in ihrer Heimat, wo sie vier Jahre mit einer Frau war, aber auch sonst gut rumgevögelt hat – Frauen, die Frauen lieben, waren schon damals nicht selten. Sie will sich als Schneiderin in Vermont niederlassen, und Sylvia, eine tiefgläubige Christin, fühlt sich trotz aller Zweifel an Gottes Segen so zu ihr hingezogen, dass sie nach kurzer Zeit mit ihr zusammenzieht.

Es folgt ein Leben, das aus zwei Leben besteht: Sylvia lernt von Charity ihr Handwerk. Sie mieten ein Zimmer und kümmern sich um die Kinder von Sylvias Familie, insbesondere um die lustige unkonventionelle Achsah, die später Lehrerin wird. Sie bauen ein Haus. Es schneit im Juni. Achsah stirbt und es ist schrecklich. Die Kirche bekommt einen neuen Pastor, der offener ist als der Vorgänger, und es entsteht eine tiefe Freundschaft. Charitys Neffe William besucht sie, ein Schriftsteller, der in einem Brief liebevoll und offen wie sonst niemand über sie spricht. Sie unternehmen eine große Reise und sterben fast bei einer Flussüberquerung. Dann sind sie alt und beschweren sich, wie sich das gehört. Charity stirbt im Oktober 1868. Sylvia lebt noch weitere 17 Jahre.

Der Abgrund zwischen dem christlichen Glauben, der vor allem Sylvia tief prägt, und dem liebevollen Alltag des weiblichen Paares, der so gar nicht zu dem männerdominierten Christentum des 19. Jahrhunderts passt, ist immer wieder ein großes Thema. Die Grenze zwischen dem Glück der gemeinsamen Liebe und den Schuldgefühlen der vermeintlichen gemeinsamen Sünde ist enorm fluid, sie verschiebt sich von Seite zu Seite, manchmal von Panel zu Panel. Erschwerend hinzu kommt, dass zu der Zeit niemand Worte für dieses Leben, für diese Gefühle hat. Im Englischen beginnt sich das Wort »lesbian« erst Ende des 19. Jahrhunderts zu etablieren, davor war lesbische Liebe im Wortsinn unsagbar.

Das macht das Buch verblüffend aktuell, nicht nur, weil manche Frauen wahrscheinlich immer noch glauben, dass ihre Homosexualität eine Sünde ist, sondern auch, weil es mittlerweile viele weitere sexuelle Ausrichtungen gibt, für die uns noch die Worte fehlen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich auch heute die eine oder andere Person auf der Suche nach einer Geschlechtsidentität ähnlich verloren fühlt wie manchmal diese beiden Frauen. Aber immerhin: Liebe hilft!

Bei Tilly Walden ging es von Anfang um große Gefühle – für mich gibt es kein schöneres Buch über das Verliebtsein als I Love This Part, ein früher schmaler Band, der in wenigen Bildern Endlosigkeit spüren lässt. Ihre Clementine-Trilogie für das Walking Dead-Franchise, die direkt vor dieser Graphic Novel entstand und wohl niemand glücklich machte, war ihr erstes Buch, in dem nicht Liebe, sondern Gewalt im Mittelpunkt stand – hoffentlich war es zumindest gut bezahlt. Nun kehrt sie zu ihrem Kernthema zurück, aber in einem größeren Rahmen: Die Liebe der Frauen in der Familie und auch einiger Männer trotz oder gar wegen der ungewöhnlichen Verbindung ist für das Paar ebenfalls enorm wichtig.

Das Buch ist unglaublich dicht. Walden arbeitet mit einem Zwölfer-Grid, das die Bilder etwas fummelig wirken lässt, das sie aber trotzdem nur selten visuell durchbricht. Und das ist auch gut so. So ist viel Raum für andere Menschen, die Familie vor allem, lange Dialoge und Momente der Stille, aber auch historische Details, die heute befremdlich wirken. Die USA sind zu der Zeit ein junges, primitives Land zwischen Sklaverei und Bürgerkrieg – das sind die Wurzeln des aktuellen Absturzes. Zugleich wirkt aber vieles sehr gemütlich, die Handarbeit zu Hause etwa, die großen, gemeinsamen Feste und mein liebstes Detail: eine Wiege für Erwachsene. Walden widmet ihr eine ganze Seite, und ich frage mich: Brauchen wir alle so eine Wiege?

[Peter Lau]

Abbildungen © 2026 Reprodukt /  Tillie Walden


Kauft den Comic im Fachhandel oder direkt beim Verlag: Reprodukt