»So viel Spaß hatten wir hier schon lange nicht mehr.«
Drehbuch: Joel Crawford, Januel P. Mercado
Regie: Joel Crawford, Januel P. Mercado
Universal Pictures (DreamWorks)
USA, 2026 | 106 Minuten | Farbe | FSK: 12
Kinostart: 08.10.2026 |
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
Für alle, die das mögen: Vaiana (2016), Raya und der letzte Drache (2021), Rot (2022)
Reif für die Insel
Forgotten Island erzählt fantasievoll von einer fantastischen Freundschaft
Was die Einspielergebnisse und die Auszeichnungen bei den großen Preisverleihungen anbelangt, steht DreamWorks im Schatten der übermächtigen Konkurrenz. Dabei sind die Animationsfilme des 1994 von Steven Spielberg, Jeffrey Katzenberg und David Geffen gegründeten Studios oft besser als die Werke aus dem Großkonzern mit der Maus, zu dem seit inzwischen 20 Jahren auch Pixar gehört.
DreamWorks' Antz (1998) beispielsweise war, wenn man so will, die intellektuelle, reifere und intelligentere Variante des von Pixar für Disney produzierten Das große Krabbeln (1998). An den Kinokassen nahm letztgenannter Animationsfilm über die Insektenwelt trotzdem mehr als das Doppelte ein als das Pendant von DreamWorks.
Und was die Oscarverleihung anbelangt, bei der seit 2002 auch eine Trophäe für den besten abendfüllenden Animationsfilm vergeben wird, konnte sich DreamWorks mit Shrek (2001) zwar die historisch erste Auszeichnung in dieser Kategorie sichern. Danach sollte mit einem Oscar für Wallace & Gromit: Die Jagd nach dem Riesenkaninchen (2005) aber nur noch ein weiterer folgen, und das ausgerechnet für einen Film, der nicht einmal in den hauseigenen Studios, sondern in der Stop-Motion-Schmiede der britischen Aardman Animations entstanden ist. Im selben Zeitraum war Disney mit seinen Animationsfilmen viermal und Pixar sage und schreibe elfmal siegreich.

Bis heute einer von DreamWorks' größten Erfolgen: Shrek aus dem Jahr 2001.
Vollständig bei DreamWorks animierte Filme gibt es mittlerweile gar keine mehr. Nach dem Aufkauf durch Universal Pictures im Jahr 2016 war Der wilde Roboter (2024) der letzte Film, der komplett in der hauseigenen Animationsabteilung im kalifornischen Glendale produziert wurde. Seither hat DreamWorks einen Großteil der Arbeiten an Sony Pictures Imageworks ausgelagert, was auch dem jüngsten Abenteuer Forgotten Island anzusehen ist.
Was die Kreativität der erzählten Geschichten anbelangt, fiel dem Studio schon vor dem Verkauf an Universal Pictures nicht mehr viel ein. Wie bei so vielen Branchenvertretern konzentrierte man sich auch bei DreamWorks stärker auf Fortsetzungen bereits erfolgreich etablierter Filmreihen als darauf, neue Stoffe zu entwickeln. Wie viel Originalität jedoch im Originären steckt, beweisen die löblichen Ausnahmen.
DreamWorks' beste Werke der jüngeren Vergangenheit waren keine einfallslosen Fortsetzungen von Drachenzähmen leicht gemacht (2014, 2019), den Croods (2020) oder Kung Fu Panda (2011, 2016, 2024), sondern Neuschöpfungen wie The Boss Baby (2017) und Die Gangster Gang (2022), auch wenn diese auf Buchvorlagen basierten und inzwischen ebenfalls Fortsetzungen erhalten haben. Der mit Abstand beste Film der vergangenen Jahre war jedoch der bereits erwähnte Wilde Roboter, der bei der Oscarverleihung 2025 nur deshalb den Kürzeren zog, weil er das Pech hatte, gegen den Überraschungshit Flow (2024) anzutreten. Die Entstehungsgeschichte besagten Animationswunders aus Lettland, das vollständig mit Open-Source-Software hergestellt wurde und ohne Dialoge auskommt, ist die klassische Außenseiterstory, die Hollywood liebt. In jedem anderen Jahr hätte Der wilde Roboter höchstwahrscheinlich gewonnen.

Ein visueller wie erzälerische Triumph: Der wilde Roboter aus dem Jahr 2024.
Gleichermaßen originär wie originell ist DreamWorks' jüngster Film Forgotten Island. Die Handlung des Autoren- und Regiegespanns Joel Crawford und Januel P. Mercado hat Substanz, Hirn und Herz, sprüht vor Witz und ist sensationell animiert. Und trotzdem zeichnet sich an den Kinokassen ein völlig anderes Bild ab. Während die Konkurrenz von Pixar mit dem inzwischen fünften Teil seiner unendlichen Toy Story im Frühjahr 2026 absahnte, bleibt Forgotten Island bislang (weit) hinter den Erwartungen zurück.
Dem geschätzten Budget von 80 Millionen US-Dollar, stehen zum Zeitpunkt des deutschen Kinostarts am 8. Oktober 2026 weltweite Einnahmen von knapp 40 Millionen US-Dollar entgegen. Damit ein Film dieser Größenordnung in die Gewinnzone gelangt, muss er in der Regel das zwei- bis zweieinhalbfache seines Budgets einnehmen. (Denn ins Budget sind die Marketingkosten noch nicht mit eingerechnet, und die Einnahmen an den Kinokassen werden mit den Kinobetreibern geteilt.) Bis Forgotten Island auf die benötigten 160 bis 200 Millionen US-Dollar kommt, ist es also noch ein weiter Weg. Zu wünschen wäre es dem Film, denn der abenteuerliche Pfad, den die zwei Protagonistinnen darin beschreiten, ist nicht nur einen Kinobesuch wert, er zählt auch mit zum Besten, was in diesem Jahr im Animationsbereich auf der großen Leinwand zu sehen sein wird.
Die besten Freundinnen Jo und Raissa könnten unterschiedlicher nicht sein.
Im Mittelpunkt stehen zwei konträre Charaktere: Wenn die impulsive Filipina Jo wie das Feuer ist, das mit seiner Energie alle um sich herum ansteckt, dann ist Raissa das Wasser, das die von Jo entfachten Brände löscht und mit ihrem kühlen Köpfchen die Wogen glättet. Durch einen Zufall lernen sich die zwei Mädchen kennen, beschließen spontan, beste Freundinnen zu werden und gehen bis zu ihrem Schulabschluss durch dick und dünn. Für jede gemeinsam gemachte Erinnerung heften sie einen neuen kleinen Anhänger an ihre Freundschaftsbändchen. Doch mit dem Zeugnis in der Tasche stehen sie an einem Scheideweg: Jo träumt davon, mit Raissa in die Hauptstadt Manila zu ziehen und eine Wohngemeinschaft zu gründen. Dass Raissa gar nicht auf den Philippinen bleiben, sondern im weit entfernten Kalifornien studieren will, hat sie Jo noch nicht verraten. Ein letzter gemeinsamer Abend am Strand, der die Freundinnen vor unangenehme Wahrheiten stellt, stellt ihre heile Welt schließlich auf den Kopf.
Für all die gemeinsam verbrachten Jahre genügen dem Film wenige Momente und Montagesequenzen. Hier zeigt sich eine erste Qualität des von den Regisseuren selbst verfassten Drehbuchs, ist es doch eine Lehrstunde in narrativer Ökonomie, die nicht auf Kosten der Figurentiefe geht. Bevor die eigentliche Abenteuergeschichte beginnt, hat das Kinopublikum in kürzester Zeit die Höhen und Tiefen einer Freundschaft miterlebt und nimmt die zwei Freundinnen trotzdem ernst. Denn bei aller notwendigen Verkürzung sind Jo und Raissa so glaubwürdig geschrieben, dass sie sich echt anfühlen. Was sie im Anschluss an ihre Nacht am Strand erleben, ist hingegen nicht von dieser Welt.
Ein Portal führt Raissa und Jo in eine andere Welt: auf die mythologische Insel Nakali.
Januel P. Mercado hat philippinische Wurzeln, Joel Crawford ist mit einer Filipina verheiratet. Kennengelernt haben sich die beiden als Mitarbeiter in den Animationsabteilungen von Kung Fu Panda 2 (2011). Erstmals gemeinsam Regie führten sie bei Der gestiefelte Kater – Der letzte Wunsch (2022), was ihnen umgehend eine Oscarnominierung in der Kategorie »Bester abendfüllender Animationsfilm« einbrachte. Die könnte auch Forgotten Island winken, dem ersten Animationsfilm eines großen Hollywood-Studios, der sich mit philippinischer Folklore befasst. Denn Mercado und Crawford nehmen ihre eigene Freundschaft als Ausgangspunkt, um von der Freundschaft zweier Mädchen zu erzählen und dabei tief in die philippinische Mythologie einzutauchen.
Durch die Schauermärchen von Jos Großmutter Lola mit dem Folklore-Fieber infiziert, träumen Jo und Raissa von Kindesbeinen an, die vergessene Insel Nakali zu entdecken. Ausgerechnet am Abend, an dem sich ihre Wege eigentlich trennen sollten, ist es tatsächlich so weit: Ein Portal nach Nakali öffnet sich und die zwei Freundinnen fallen hindurch. Am nächsten Morgen können sie sich an nichts mehr erinnern – und müssen ihre Nacht rekonstruieren, um einen Weg zurück in ihre Welt zu finden. Zur Seite steht ihnen eine Zufallsbekanntschaft: der wilde Werhund Raww.
Auf der Suche nach einem Heimweg stehen Raissa und Jo eine Handvoll Figuren aus der philippinischen Folklore zur Seite.
Von hier an ist die Story ein amüsanter bis atemberaubender Mix aus Hangover (2009), Herr der Ringe und Ein Minecraft Film (2025), allerdings besser als die genannten Filme. Visuell wechselt Forgotten Island mutig zwischen den Stilen hin und her und peppt die plastischen, in Blau- und Rottönen gehaltenen Animationen wiederholt mit zweidimensionalen Zeichenstilen vom klassischen Trickfilm bis zum Anime auf. Diese wilde, oft schnell geschnittene Melange erinnert an die bis dato besten Animationsfilme von Sony Pictures Imageworks: Spider-Man: Into the Spider-Verse (2018) und Spider-Man: Across the Spider-Verse (2023).
Obwohl sich der Film mit Themen wie Freundschaft und der Bedeutung gemeinsam geschaffener Erinnerungen, die es selbst gegen böse Geister zu bewahren gilt, an alle Generationen richtet, ist Forgotten Island nicht für die ganze Familie geeignet. Neben vielen kuriosen Figuren wie dem eitlen Meermann Mermahn und dem drolligen Dämonenbaby Bungi sind mit der Erinnerungen-Jägerin Batiba und dem hexenhaften Wesen Manang auch zwei Bösewichtinnen mit von der Partie, die durchaus für furchteinflößende Szenen gut sind. Die Altersfreigabe ab 12 Jahren kommt somit nicht von ungefähr, auch wenn der Film sicherlich auch schon für Kinder ab 10 Jahren geeignet sein dürfte.
Dank beeindruckender Gegenspielerinnen geht es in Forgotten Island durchaus düster zu.
Wenn man Joel Crawford und Januel P. Mercado eines vorwerfen kann, dann, dass sie ein paar fantastische Figuren zu viel in ihren Film gepackt haben, dass nicht jede ihrer Pointen zielsicher landet und dass erzählerisch die eine oder andere unglaubwürdige Abkürzung genommen wird. Entgehen lassen sollte man sich dieses mitreißende Abenteuer aber auf keinen Fall. Denn wer weiß, wann es das nächste Mal eine solch umwerfende Geschichte zu sehen gibt, die bei allem Herzschmerz und Tiefgang vor allem Spaß macht.
[Falk Straub]
Abbildungen © 2024/2026 Universal Pictures
