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Frisch Gesehen Folge 14: Coyote vs. Acme

»Was ist schon ein bisschen Schmerz für das Wohl der Allgemeinheit?«


Coyote vs. Acme

Drehbuch: Samy Burch, James Gunn, Jeremy Slater
Regie: Dave Green

Capelight Pictures
USA, 2026 | 103 Minuten | Farbe | FSK: 6
Kinostart: 17.09.2026

Genre: Komödie, Hybrid aus Animations- und Realfilm

Für alle, die das mögen: Falsches Spiel mit Roger Rabbit (1988), Looney Tunes: Back in Action (2003)



Mr. Avery geht nach Washington

Coyote vs. Acme überträgt den alten Zauber auf die Gegenwart

 

Egal, ob man der Interaktion zwischen leibhaftigen und gezeichneten Figuren zum ersten Mal bei Mary Poppins (1964), Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett (1971) oder Elliot, das Schmunzelmonster (1977) begegnet ist, ob man deren Formvollendung in Falsches Spiel mit Roger Rabbit (1988) bewundert oder sich von einem mediokren Vertreter wie Space Jam (1996) hat blenden lassen: Dem Zauber, den dieses sehr spezielle Zusammenspiel versprüht, kann man sich auch im Erwachsenenalter nicht entziehen. Coyote vs. Acme benötigt nur wenige Szenen, um ein Gefühl zwischen nostalgischer Kindheitserinnerung und purer Freude an den dargebotenen Kuriositäten herzustellen.

Schon der Prolog katapultiert das Kinopublikum zurück an diesen seltsamen Ort, wo alles möglich scheint: Wenn Wile E. Coyote (bzw. auf Deutsch: Willi Kojote) einmal mehr an der Jagd des Road Runner scheitert, die im besten Sinne alberne Action aber nicht vor einem gezeichneten Hintergrund, sondern vor der prächtigen Naturkulisse einer tatsächlich abgefilmten Wüstenlandschaft über die Bühne geht. An dieser Schnittstelle zwischen Realfilm und Animationsfilm gelten andere Regeln, sind die Gesetzte der Physik außer Kraft gesetzt.

Spätestens wenn der ausgehungerte Kojote einsam in seiner Höhle sitzt und als Abbild seines Scheiterns Ausschnitte aus den alten Zeichentrickfilmen über die Kinoleinwand flimmern, ist klar, dass hier nicht einfach der nächste uninspirierte Hybridfilm wie zuletzt Space Jam: A New Legacy (2021) auf den Markt geworfen wird. Die Macher sind sich der langen Historie der Looney Tunes bewusst und bringen dem Ausgangsmaterial die nötige Wertschätzung entgegen. Das zeigt sich nicht nur an der hohen Qualität der Animationen, sondern auch an dem in schönster Tradition stehenden Humor und der originellen Geschichte.

Die Grundidee, die die Handlung ins Rollen bring, ist so simpel wie genial: Nachdem der Road Runner seinem Häscher ein weiteres Mal durch die Lappen gegangen ist, geht dem vom Unglück verfolgten Kojoten ein Licht auf. Sein jahrzehntelanges Versagen liegt nicht an seinem eigenen Unvermögen, sondern an den mangelhaften Produkten von Acme, die allesamt nicht halten, was sie versprechen. Also macht sich Willi auf den Weg in die Stadt. In Albuquerque heuert er den Anwalt Kevin Avery (Will Forte) an, um Acme zu verklagen.

In der Welt des Films stellt die Acme Corporation mehr als nur Gebrauchsgegenstände wie Raketenrollschuhe her. Der Großkonzern ist zum Tech-Giganten aufgestiegen, der den Alltag der Menschen und Toons vollständig durchdrungen hat; eine Art Amalgam aus Google, Apple, Amazon und Meta. Dementsprechend steht mit Foghorn Leghorn ein eitler Gockel an dessen Spitze.

Willi Kojotes Anwalt ist hingegen ein kleines Licht. Ein abgehalfterter Winkeladvokat, der in einem Motel haust und sich mit billigen Tricks und simplen Schadensersatzklagen gerade so über Wasser hält. In der größten Stadt des US-Bundesstaats New Mexico angesiedelt, weht ein Hauch von Better Call Saul (2015–2022) durch diesen Film, und man hätte sich als menschliche Hauptfigur auch wunderbar den von Bob Odenkirk verkörperten Saul Goodman vorstellen können. Will Forte macht seine Sache als überforderter, ausgesprochen fauler Anwalt aber ebenso gut – und wandelt sich vom unausstehlichen zum sympathischen Loser.

Sein menschlicher Gegenpart ist mit dem vom Wrestling zum Film gewechselten John Cena besetzt. Cena spielt Acmes Staranwalt Buddy Crane und hat sichtlich Spaß an der Übertreibung. Forte wiederum steht Lana Condor zur Seite, die seine überambitionierte Nichte Paige Avery gibt. Sie ist die Einzige in der Kanzlei ihres Onkels, die das gesamte Ausmaß der von Willi Kojote angestrengten Klage gegen Acme erkennt ...

... und bald schon finden sich Willi, Paige und Kevin in einer Kriminalgeschichte wieder, die vor übergeschnappten Informanten, geheimnisvollen Whistleblowern und einer Verschwörung, die weit in die Vergangenheit reicht, nur so wimmelt:

Coyote vs. Acme ist ein aberwitziger Spaß für die ganze Familie. Der Slapstick ist sehenswert, die Pointen sitzen und die gesellschaftskritischen Untertöne drängen sich nicht zu übertrieben in den Vordergrund. Dass die Geschichte funktioniert, obwohl Willi Kojote nicht sprechen und somit nur über Umwege mit den Menschen kommunizieren kann, ist eine große Kunst. Und immer dann, wenn der Film mit den Möglichkeiten des hybriden Mediums spielt, beweist er seine große Klasse. Denn dann ist der Fantasie freier Lauf gelassen, etwa in der Sequenz, als Willi, Kevin und Paige mit einer mysteriösen schwarzen Substanz ein Loch an eine Wand malen, das in einen Eisenbahntunnel führt, dessen Erkundung für die drei beinahe fatal endet.

In Momenten wie diesen erinnert Coyote vs. Acme an den bereits erwähnten Klassiker Falsches Spiel mit Roger Rabbit, reicht allerdings nicht ganz an diesen heran. Denn leider nimmt die eingangs geradlinig erzählte Handlung, je weiter sie voranschreitet, den einen oder anderen Umweg zu viel, wodurch Tempo und Witz verloren und dem Film zwischendurch die Puste ausgeht. Eine überraschende Wende während einer Anhörung vor dem US-Kongress in Washington D.C. sorgt aber dafür, das ganz am Ende sogar die eine oder andere Träne verdrückt wird.

Fast noch schöner als der Film ist die Geschichte drumherum. Denn Coyote vs. Acme ist gar keine neue Produktion, sondern schon ein paar Jahre alt. Dass es die Komödie überhaupt in die Kinos geschafft hat, gäbe selbst den Stoff für einen Kinofilm her. Gedreht wurde zwischen März und Mai 2022, und ursprünglich war ein Kinostart im Sommer 2023 geplant. Doch dann entschied sich das produzierende Studio Warner Bros. dazu, den Film stattdessen lieber in den Giftschrank zu stellen und als Verlust von der Steuer abzuschreiben.

Der Protest von Fans und Branchenvertretern war so groß, dass Warner Bros. nachgab und der Film nach verschiedenen gescheiterten Angeboten schließlich für einen Kaufpreis von 50 Millionen US-Dollar bei Ketchup Entertainment landete. (Hierzulande hat Capelight Pictures den Verleih übernommen.) Und der vergleichsweise kleine Player hat dem großen Studio damit gezeigt, was eine Harke ist. Denn anders als von Warner Bros. eingeschätzt erweist sich Coyote vs. Acme als Erfolgsgeschichte. Derzeit stehen die weltweiten Einnahmen bei knapp 90 Millionen US-Dollar (Stand: 27.09.2026), womit der Film zwar noch nicht in der Gewinnzone, aber auf einem guten Weg dorthin sein dürfte. Und ganz nebenbei hat Ketchup Entertainment es dem Regisseur Dave Green und seinen Hauptdarstellern John Cena, Will Forte und Lana Condor drei Jahre nach dem ursprünglich angedachten Kinostart doch noch ermöglicht, über den roten Teppich zu flanieren.

[Falk Straub]


Abbildungen © 2026 Ketchup Entertainment / Capelight Pictures