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Frisch Gelesen Folge 471: Auf den Hund gekommen

»Was mich verwirrt, ist der Schuss in die … die …«
»In die Eier! Sagen Sie es doch!«


FRISCH GELESEN: Archiv


Auf den Hund gekommen

Story: Pierre Lemaitre
Zeichnungen: Dominique Monféry

Splitter
Hardcover │ 120 Seiten │ Farbe │ 25,00 €
ISBN: 978-3-68950-097-9

Genre: Thriller, Krimi

Für alle, die das mögen: Nestor Burma (Schreiber & Leser), Stumptown (Splitter), John Wick (Actionfilm, USA 2014)


Mathilde ist über sechzig und hat etwas von einem Muttchen von nebenan. Doch hinter dieser harmlosen Fassade lauert eine Bestie. Sie ist eine Killerin erster Güte, die seit Jahrzehnten gute Arbeit leistet und nie enttäuscht. Doch der aktuelle Job verläuft anders als erwartet. Sie agiert außergewöhnlich brutal. Schießt ihrem männlichen Opfer zunächst in die Weichteile und gibt ihm erst dann den Rest. Doch damit nicht genug, den dabei anwesenden Hund verwandelt sie in einen unansehnlichen Klumpen roter Fleischmasse. Wie eine makabre Zugabe. Das sorgt für mediale Erregung und gerade das mögen Mathildes Auftraggeber nicht. Stellt sich die Frage: Ist die rüstige Auftragsmörderin außer Rand und Band oder hatte Mathilde tatsächlich nur eine »plötzliche Eingebung«, wie sie beschwichtigend sagt?


Dominique Monférys Blick für Details: Mathilde ist eine gedungene Mörderin und diesmal ziemlich »grob« unterwegs. (Die hier herausgegriffenen Panels verteilen sich über eine Doppelseite.)

Auf den Hund gekommen ist die Comicfassung von Pierre Lemaitres Roman Le Serpent majuscule (2021), der trotz anderer ins Deutsche übersetzter Veröffentlichungen des Autors bislang noch nicht auf Deutsch erschienen ist. Der französische Schriftsteller (Jahrgang 1951) verfasste seit 2006 diverse Thriller. Seit knapp zehn Jahren publiziert der Pariser Verlag Rue de Sèvres Comicadaptionen seiner Werke und will offenbar alles von ihm in bebilderter Form herausbringen. Interessant beim vorliegenden Band: Das Szenario zu Auf den Hund gekommen stammt von Lemaitre höchstpersönlich.

Die Zeichnungen stammen von Dominique Monféry, der Lemaitres harten Thriller in aquarellartige Panels überträgt und die geschilderten Härten mit zurückhaltenden Farben und vielen Brauntönen unterstreicht. Seine Charakterisierung der rabiaten älteren Mathilde, die Handfeuerwaffen großen Kalibers schätzt, lässt einen sofort an die lange verstorbene Schauspielerin Simone Signoret denken. Und tatsächlich: Auf toutenbd.com sagt Monféry, er habe Lemaitres Hauptfigur ihr nachempfunden, weil er dachte, sie hätte diese Rolle in einer Filmadaption übernehmen können. Monféry ist kein Unbekannter. Von ihm sind, ebenfalls bei Splitter bzw. dessen Label toonfish, Tin Lizzie (2016), Evil Road (2017) und Ein unerwarteter Todesfall (2023) erschienen.


Mathildes Auftraggebern gefällt nicht, was sie hören.

Auf den Hund gekommen ist fesselnd und will regelrecht in einem Rutsch gelesen werden. Mathilde lebt im Frankreich des Jahres 1985 und erledigt ihre »Aufträge« ähnlich gewissenhaft und konzentriert wie ihr Filmkollege John Wick. Doch während auf der Leinwand die ausufernde Gewalt und absurd hohe Mordrate für entspannende Lacher sorgt, gönnt Pierre Lemaitre dem Leser keine Druckentlastung. Denn Mathildes blutige Kapriolen fühlen sich im direkten Vergleich dazu äußerst ernst und unangenehm an.


Die Ausführung macht einen Inspektor stutzig.

Lemaitre verrät einiges über seine Hauptakteure, sodass wir gern in seinen Erzählkosmos eintauchen. In wenigen und knappen Rückblenden führt er uns zurück in den Zweiten Weltkrieg und ermöglicht es, nachzuvollziehen, wie aus der jungen Mathilde eine erbarmungslose Auftragsmörderin wurde. Ihr Gegenspieler, Inspektor Vassiliev, lässt einen ebenfalls nicht kalt. Er ist gewieft und für voreilige Schlüsse nicht zu haben. Hat privat aber einiges um die Ohren, weil ihm sein betagter, wahrscheinlich dementer Vater seelisch zu schaffen macht. Und nein, Vassiliev ist kein Russe. Auch kein Kommunist. Die scharfzüngige Mathilde ist von dem Inspektor beim unangekündigten Hausbesuch einfach nur genervt und will ihn mit dieser boshaften Frage aus der Reserve locken.


Mathilde kann auch nett wirken – als ältere Dame aus der Nachbarschaft.

Auf den Hund gekommen ist ein schöner Comic und eine Leseempfehlung – nicht nur für eingefleischte Thrillerfans. Kleiner Tipp, um das Gelesene gefühlsmäßig sacken zu lassen: Einfach einem Bekannten den Inhalt nacherzählen. Dann fällt einem auf, rein durchs In-Worte-Fassen, wie gut und heftig dieser Stoff ist.

[Walter Truck]

Abbildungen © 2025 Splitter /  Pierre Lemaitre, Dominique Monféry


Den Comic gibt's im gut sortierten Comicfachhandel oder direkt beim Verlag: Splitter