Frisch Gelesen Folge 196: Little Nemo – Nach Winsor McCay

»Und der Traum wächst mit der Realität zusammen, sofern er nicht das Gegenteil ist.«

 


FRISCH GELESEN: Archiv


Little NemoDas Titelbild von Frank Pés Little-Nemo-Hommage

Text: Frank Pé
Zeichnungen: Frank Pé

Carlsen Comics
Hardcover | 88 Seiten | Farbe | 35,00 €
ISBN: 978-3551793485

Genre: Hommage

Für alle, die das mögen: Jonas Valentin, Die Träume des kleinen Robin



Winsor McCay! Was soll ich sagen? Eines der großen Comicgenies, die nicht nur grandiose Werke geschaffen haben, sondern damit auch noch aberwitzig erfolgreich waren und das Medium nachhaltig beeinflussten. McCay war enorm produktiv und hielt dabei konsequent ein absurd hohes Qualitätsniveau, doch nichts war beeindruckender als Little Nemo, das erste Meisterwerk des Comics, das zugleich ein Bestseller war.

Wieso also glaubt jemand, daran anschließen zu können?

Mir fallen dafür nur zwei Gründe ein: Hybris oder Gier. Bei Frank Pé tippe ich auf Ersteres. Was ein bisschen traurig ist, denn der Belgier ist ein wirklich grandioser Zeichner. Vor allem, wenn es um Tiere geht: Von Jonas Valentins fliegenden Walen über die Wildkatzen in Zoo bis zu dem malenden Orang-Utan im Spirou Spezial »Das Licht von Borneo« gehören seine Tiere zu der schönsten, freundlichsten und manchmal auch berührendsten Fauna, die es im Comic gibt. Selbstverständlich sieht auch sein Little-Nemo-Band fantastisch aus.

Der Höhepunkt des Buchs: eine kluge Hommage an Winsor McCay und an Frank King.


Diese Doppelseite ist für mich der Höhepunkt des Buches, auch weil es eine genauso kluge Hommage an McCay ist wie an Frank King, dessen Sonntagsseiten seiner Serie Gasoline Alley Meisterwerke des Layouts sind: In einem visuell wundervoll umgesetzten Zickzack krabbeln Nemo, sein alter Freund Flip und ein Gärtner über einen blühenden Tiger – es sieht toll aus, ist völliger Blödsinn und dabei doch wunderschön. Perfekt!

Es gibt noch einige Seiten in dieser Liga, etwa wenn Nemo seine Freunde das erste Mal wiedertrifft: Gemeinsam veranstalten sie eine Zirkusvorstellung, bei der sie allerdings auf Anweisung des Zirkusdirektors nicht lachen dürfen – und deshalb einfrieren. Ein Klassiker! Da hätte sich McCay gefreut. Und wenn ein Elefant großräumig und detailliert ausrutscht, sieht es natürlich toll aus, genau wie ein anderer Elefant, der Nemo aus dem Meer rettet – eine schöne Antithese zu dem klassischen Alptraum-Ende.

Antithese zum klassischen Alptraum-Ende: Ein Elefant rettet Nemo.


Ja, so hätte es gehen können. Einfache, verspielte, brillant gezeichnete Episoden, die nichts wollen außer Spaß machen und gut aussehen. Aber das hat Frank Pé wohl nicht gereicht. Etwa in der Mitte des Bandes findet der 64-Jährige ein neues Thema: Bücher – und ab da wird es schlimm. Denn fortan genügt nicht mehr der Zauber des Bildes, das Spiel ohne Sinn – jetzt geht es um Bedeutung. Flip will ins Land der Bücher, und so irren die beiden von Papier-Installation zu Papier-Installation oder treffen Schriftsteller, die wichtig tun. Kann sein, dass das alles ironisch gemeint ist, aber dann ist es dusseligste Auskenner-Ironie, prätentiös und nur für Gleichgesinnte witzig.

Weiter hinten nimmt zudem Winsor McCay immer mehr Raum ein, der schon zu Anfang ab und zu stellvertretend für Nemo im Schluss-Bett liegt. Dort ist es eine kleine postmoderne Finte, wie sie früher modern war, genau wie der Kurzauftritt von Gertie the Dinosaur. Doch dann wird McCay zu einer weiteren Hauptfigur – zu der Frank Pé leider nichts einfällt. Am Ende legt er nahe, dass der wie besessen arbeitende Künstler eigentlich nur seine Träume in die Realität überführen wollte. Echt jetzt? Wie sagte der Gast, als ihm der Kellner einen Kaffee mit dem smalltalktauglichen Satz »Sieht nach Regen aus« servierte: »Ja, aber es könnte auch Kaffee sein.«

Tolle Zeichnungen, schwache Dialoge: Sätze wie die auf dieser Seite verdeutlichen, dass das Texten nicht zu Frank Pés Kernkompetenzen zählt.


Wenn Pé gut ist, ist er super. Und mal ehrlich: Mit dem Original kann er nicht mithalten – aber wer kann das schon? Außerdem sieht der Band wirklich toll aus. Wer sich also einfach etwas Schönes gönnen will, ist damit gut bedient. Zumal es kein Problem ist, die Texte nicht zu lesen – in den Sprechblasen steht fast nichts, dass die Bilder nicht besser rüberbringen. Doch für seine nächste Arbeit wünsche ich dem Zeichner einen Texter wie Zidrou, der ihm bei Spirou einen inhaltlichen Rahmen gegeben hat und den Figuren Sätze in den Mund legt – das gehört ebenfalls nicht zu Pés Kernkompetenzen (siehe oben).

Allen, die mehr davon lesen wollen, empfehle ich außerdem Die Träume des kleinen Robin von Hermann, dessen Protagonist erstaunlich dem Little Nemo von Frank Pé ähnelt. In den Achtzigern erschienen drei Bände, die im Internet für kleinstes Geld zu haben sind. Damals wurde damit keine Werbung gemacht, aber auch diese kurze Serie war eine Art Hommage an Winsor McCay. Nur viel unauffälliger.

Frank Pés Hommage ist auch immer ein wenig auffällig.

[Peter Lau]

Abbildungen © 2020 Carlsen Verlag GmbH / Frank Pé


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