»Deine Szene wurde gestrichen.«
Drehbuch: Andrew Guest, Anayat Fakhraie, Roja Gashtili, Julia Lerman u.a.
Regie: Destin Daniel Cretton, Tiffany Johnson, Stella Meghie, James Ponsoldt
Disney+
8 Episoden | je ca. 23 bis 34 Minuten
Starttermin: 28.01.2026
Genre: Superhelden, Buddy-Komödie
Für alle, die das mögen: Guardians of the Galaxy, Thunderbolts* und die Marvel-Serien Moon Knight und Wanda Vision, Mockumentarys, das Filmgeschäft und den Blick hinter die Kulissen
Am 28. Januar 2026 startet in Deutschland die nächste Marvel-Serie Wonder Man. Bereits die erste Episode erinnert mit ihren Einblicken in das Showgeschäft Hollywoods eher an die gefeierte Apple-TV+-Comedyserie The Studio oder an Science-Fiction-Komödien wie Galaxy Quest (1999) als an die üblichen Comicverfilmungen. Die insgesamt acht Episoden, jeweils zwischen 23 und 34 Minuten lang, bieten einen erfrischenden, so noch nicht im Marvel Cinematic Universe (MCU) gesehenen Mix aus Komödie, Arthouse und Metaebene im groben Superheldenkontext. CRON konnte die komplette Serie vorab auf Englisch sehen, klärt die wichtigsten Fragen und gibt einen Ausblick, was das Publikum erwartet.
Wer ist Wonder Man?
Simon Williams alias Wonder Man wurde von Autor Stan Lee und den Zeichnern Don Heck und Jack Kirby erschaffen. Seinen ersten Auftritt hatte der Held im Comicheft Avengers #9 vom Oktober 1964. Ins MCU schafft es die Figur erst mit der jetzigen Serie. In der Comicvorlage besitzt Simon Williams' Vater eine lukrative Munitionsfabrik, die in Konkurrenz zu dem bekannteren Waffenhändler im Marvel-Universum steht: Stark Industries. In der Serie auf Disney+ lernen wir ihn als kleinen Jungen aus einer Einwandererfamilie kennen, der seinen Traum von der Schauspielerei erfüllen will. Sein großes Vorbild ist der Schauspieler aus der Verfilmung von Wonder Man, den er als Kind begeistert im Kino gesehen hat. Der Clou daran: Simon möchte nicht nur in einer Neuauflage des Films die Hauptrolle übernehmen, er besitzt tatsächlich Superkräfte.
Was muss ich gesehen haben, um mühelos bei Wonder Man einsteigen zu können?
Im Grunde genommen nichts. Dann wiederum: am besten so viel wie möglich, denn die Serie richtet sich so gar nicht an Schönwetter-Fans und Gelegenheitszuschauer, die vor allem viel Action, Spektakel und pausenlose Sprücheklopferei suchen. Essenziell ist es, zumindest die Iron-Man-Trilogie gesehen zu haben, insbesonders Teil 3.
Worum geht's bei Wonder Man?
So beschreibt es Marvel selbst: »Der aufstrebende Hollywood-Schauspieler Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II) kämpft darum, seine Karriere in Gang zu bringen. Bei einer zufälligen Begegnung mit Trevor Slattery (Ben Kingsley), einem Schauspieler, dessen größte Zeit wohl schon hinter ihm liegt, erfährt Simon, dass der legendäre Regisseur Von Kovak (Zlatko Buric) eine Neuverfilmung des Superheldenfilms Wonder Man plant. Die beiden Schauspieler, die sich an entgegengesetzten Enden ihrer Karriere befinden, streben verbissen nach Rollen in diesem Film, die ihr Leben verändern könnten, während das Publikum einen Blick hinter die Kulissen der Unterhaltungsindustrie erhält.«
Lohnt sich Wonder Man?
Die Serie erzählt die Geschichte einer Einwandererfamilie aus Haiti. Der eigene Bruder ist mit Simons Berufswunsch, Schauspieler zu werden, nicht einverstanden. Der einsame Junge, der Trost in der Kunst findet, erinnert an den wunderschön melancholischen Superheldenfilm Unbreakable (2000) von M. Night Shyamalan. Neben dieser sehr persönlichen Story des im Erwachsenenalter von Yahya Abdul-Mateen II gespielten Simon Williams geht es aber vor allem ums Geschichtenerzählen. Wie lässt sich ein altes cheesy B-Movie wie Wonder Man in unserer Gegenwart neu auflegen?
Die acht miteinander verbundenen Episoden sind zum größten Teil eine echte Buddy-Komödie zwischen dem alten Schauspiel-Veteranen Trevor und dem jungen Simon. Für Spannung sorgt ein Auftrag Trevors für eine Behörde, den sowohl als Schauspieler als auch als Superhelden noch etwas impulsiven und unfertigen Simon zu beschatten. Der rote Faden der Show ist die Frage, wer am Ende die begehrte Rolle bekommen wird und wie die überwältigenden Superkräfte, eigene Interessen sowie die inniger werdende Freundschaft der beiden Männer dabei Konflikte auslösen könnten.
Ein besonderer Pluspunkt ist der Einsatz von Popmusik, um die Handlung noch zusätzlich zu bereichern. Etwas fremd und besonders wirkt eine in Schwarz-Weiß gehaltene Episode über den »Doorman«, einen Türsteher, der buchstäblich als Portal in eine andere Welt fungiert. Und dessen Fall dann erklärt, was es mit der Handlung der Serie auf sich hat – aber das wird hier selbstverständlich nicht vorweggenommen. Diese Episode kommt spät in der Serie und könnte beinahe für sich selbst stehen.
Marvel hat Unmengen von Superhelden im Programm, erzählt deren Geschichten aber meist nach einem sehr vorhersehbaren Muster. Wie befreiend sind dagegen Storys, die das Superheldengenre dekonstruieren. Wonder Man mag nicht so radikal anders als metafiktionale Meilensteine wie die britische Produktion Misfits (2009) oder Alan Moores und Dave Gibbons Comic Watchmen (1986/1987) sein. Als Fernsehserie über Comicadaptionen in der Filmbranche ist Wonder Man aber einfallsreicher erzählt als der Großteil aus dem MCU. Was die technische Umsetzung anbelangt, ist diese neue Miniserie zwar nicht so überwältigend gut wie die ersten drei Staffeln Daredevil (was allerdings auch daran liegt, dass diese Serie viel mehr Zeit hatte, um den Figuren Tiefe zu verleihen und sie in ihrer Komplexität darzustellen; außerdem boten deren Staffeln deutlich spannendere Geschichten.) Allerdings bleiben dem Wonder-Man-Publikum She-Hulk-Cringe-Momente und ein absurdes Finale, wie zuletzt bei der Serie Ironheart zu sehen, erspart.
Das Schauen macht Spaß, vor allem was die Metaebene betrifft. Denn mit etwas Fantasie lässt sich Simon Williams' Geschichte, zumindest teilweise, auf die Anfänge des MCU mit dem ersten Teil von Iron Man (2008) übertragen. Ein hochbegabter Schauspieler (Simon Williams in Wonder Man, Robert Downey Jr. im wahren Leben), den die Versicherungen nicht mehr absichern wollen aufgrund seines unberechenbaren Verhaltens (in der Fiktion: eine Superkraft, die ganze Wohnblocks bei einem Wutanfall vernichten kann, in der Realität: ein Suchtproblem), gibt trotz aller Vorverurteilungen nicht auf und beweist sich und allen anderen, dass man die Vergangenheit hinter sich lassen und besser werden kann. Der amerikanische Traum als kluge, eher stille Serie mit sehr vielen amüsanten Einblicken in den Alltag als Schauspieler: demütigende Castings, Zurückweisungen, Proben und am allerschlimmsten: kritische Journalisten, die das Ganze auch noch einordnen und bewerten wollen.
Das größte Manko bei all dem sind die vielen Wiederholungen. Wonder Man ist sehr redundant, hätte als zweistündiger Spielfilm eine stärkere Wirkung entfaltet und zwischendurch nicht so viele langweilige Hänger gehabt.
So oder so ist Wonder Man der Mut, Neues auszuprobieren, jedoch hoch anzurechnen und der Weg wird erfolgreich bereitet, um sich auf mehr Auftritte dieser ungewöhnlichen Figur zu freuen.
[Stefan Svik]
Abbildungen © 2026 Disney+ / Marvel Television




