Frisch Gelesen Folge 355: Remina

»Verzeih mir, Remina … Ich kann dich nicht mehr beschützen.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Remina

Story: Junji Itō
Zeichnungen: Junji Itō

Carlsen Manga
Hardcover | 256 Seiten | s/w | 18,00 €
ISBN: 978-3-551-71488-6

Genre: Horror, Endzeit

Für alle, die das mögen: H.P. Lovecrafts Die Farbe aus dem All, The Drifting Classroom



Junji Itō nimmt es mit Stephen King auf – zumindest was den Veröffentlichungsrhythmus angeht. Was bei dem 60-jährigen Mangaka allerdings weniger an seinem tatsächlichen Output, sondern vielmehr daran liegt, dass seine Werke erst seit einigen Jahren in Deutschland in Übersetzung erscheinen. Uzumaki kam bereits vor zehn Jahren bei Carlsen heraus, danach folgte lange nichts. Doch mit dem Erfolg der Ausgaben bei VIZ Media in den USA folgten auch in Deutschland Band auf Band. In der Zwischenzeit kursierten diverse Panels bereits im Netz, die auf den ersten Blick Unbehagen auslösten. (Also das gute Horror-Unterhaltungsunbehagen.) Weshalb viele Menschen Remina bereits gesehen haben, ohne den Manga gelesen zu haben. Was wiederum daran liegt, dass Remina aus Itōs Gesamtwerk heraussticht.

In kaum einem anderen Manga arbeitete der Japaner so bildgewaltig wie hier. Selbst Uzumaki bringt diese unheimliche Leere nicht mit sich. Was am Thema liegt: Remina ist kosmischer Horror. Professor Oguro entdeckt darin einen unbekannten Planeten und benennt ihn nach seiner Tochter – allerdings macht sich der neue Himmelskörper bald auf den Weg und verschlingt andere Sterne. Er trifft auf die Erde und mampft den Mond. Derweil bildet sich ein Kult auf der Erde, der Oguros Tochter opfern will, um das Unvermeidbare zu vermeiden.

Klar ist bereits das Thema spannend, doch Remina hält die Spannung auf über 200 Seiten vor allem wegen seiner Bilder, der Details, die Itō einbaut, der schmelzenden Astronauten, der brennenden Kreuze, der Menschenmassen, die durchdrehen, und des gigantischen Planeten mit der Zunge. Weil Remina seine erzählte Zeit so rasant durchzieht, fallen kleine Blödheiten im Plot kaum auf. Beispiel: Nachdem der Planet Remina an der Erde leckt, dreht sie sich schneller, weshalb die Fliehkraft die Schwerkraft aussticht und, voilà, die Menschen können fliegen. Und überhaupt passt das Groteske und Absurde sowieso in dieses Setting, in dem ständig irgendjemand an wem leckt. (Nichts für neurotische Hygienefanatiker!)

Ursprünglich Anfang der 00er erschienen, bietet Itō vor allem eine neue Idee vom kosmischen Horror, die sich endlich, endlich, endlich von Lovecraft und Cthulhu freimacht. Dort, wo sonst die gleichen Ideen und Bilder zu ewigen Wiedergängern werden, findet er eine ganz neue Art, uns unter die Haut zu kriechen. Und tatsächlich Angst einzujagen. Der Sternenhimmel wird nach diesem Manga nie wieder so aussehen wie zuvor.

Eine Sache, die Itō zudem vielen Horrorautoren voraushat: Er findet selbst in diesem aberwitzigen Setting ein konsequentes und gutes Ende. Nicht hoffnungsvoll, aber auch nicht zynisch, nicht abrupt, nicht pessimistisch. In Itōs Werk gehört Remina zu den besten Manga – und überhaupt zu den besten Horrorcomics des 21. Jahrhunderts bis hierhin.

[Björn Bischoff]

Abbildungen © JI Inc. - Asahi Shimbun Publications Inc., Tokyo / © 2023 Carlsen Verlag GmbH


Kauft den Comic im gut sortierten Comicfachhandel: CRON-Händlerverzeichnis

Oder beim Verlag: Carlsen