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Frisch Gelesen Folge 483: Königin der 1000 Jahre

»Erklär ich dir später.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Königin der 1000 Jahre Band 1

Story: Leiji Matsumoto
Zeichnungen: Leiji Matsumoto

Carlsen Manga 
Hardcover | 212 Seiten | s/w u. Farbe | 24,00 Euro
ISBN: 978-3-551-80657-4


Königin der 1000 Jahre Band 2

Story: Leiji Matsumoto
Zeichnungen: Leiji Matsumoto

Carlsen Manga 
Hardcover | 212 Seiten | s/w u. Farbe | 24,00 Euro 
ISBN: 978-3-551-80658-1

Genre: Science Fiction, Action

Für alle, die das mögen: Galaxy Express 999, Pluto, Star-Lord



Leiji Matsumoto gehört zu den bekanntesten unbekannten Mangaka in Europa. Die meisten europäischen Leser dürften sich an seinen Stil durch seine Zusammenarbeit mit dem französischen Electronica-Duo Daft Punk erinnern, ohne jedoch Matsumotos Namen zu kennen. Und wer Anfang der 1990er-Jahre deutsches Kinderfernsehen geschaut hat, dem wird die Animeadaption eines seiner populärsten Werke im Gedächtnis geblieben sein: Königin der 1000 Jahre, die seinerzeit auf Tele 5 zu sehen war. Carlsen bringt die Vorlage jetzt (endlich) in deutschsprachiger Übersetzung heraus. Die beiden ersten Bände liegen bereits vor und zeigen, warum dieser Manga von 1980 mehr als 40 Jahre später noch zu den Meisterwerken der Science Fiction zählt.

Damals brachte die Tageszeitung Sankei Shimbun die Serie in Fortsetzung heraus. Das erklärt das rasante Tempo dieses Werks. Quasi jede Seite endet mit einem Cliffhanger. Auf den ersten zwanzig Seiten explodiert ein Wohnhaus, fliegt ein Krankenhauszimmer in die Luft, wird ein unbekannter Planet entdeckt; die Explosion des Wohnhauses erweist sich als Anschlag, die geheimnisvolle Yayoi taucht auf, ein Meteoritenschauer stürzt in die Berge, jemand wird entführt und eine Sternwarte verschwindet von der Erdoberfläche. Was erstaunt: Matsumoto reduziert die Geschwindigkeit seiner Erzählung auch im weiteren Verlauf kaum. Und trotzdem eilt dieser Manga nie durch seine Geschichte.

Der 2023 gestorbene Matsumoto hat einen eigenwilligen und detaillierten Stil. Yayoi, die sich im Lauf der Geschichte in allerlei verschiedenen Rollen wiederfindet, hat Matsumoto realistischer als den Rest seiner Figuren gezeichnet. Die Charaktere dieses Universums sehen aus wie aus den typischen Science-Fiction-Manga jener Jahre oder wirken gleich wie Karikaturen: überzeichnet große Köpfe, kleine Augen, große Klappen. Womit wir bei Hajime wären.

Der tollpatschige Junge, der anfangs nur knapp dem Tod bei der Explosion des Wohnhauses entkommt, ist die wichtigste Figur für den Leser. Denn er versteht als Identifikationsfigur so gut wie nichts. Oft vertrösten ihn andere Charaktere mit Erklärungen auf spätere Momente. Seine Ahnungslosigkeit über die Geschehnisse zwischen der Erde und dem unbekannten Planeten LaMetal reicht so weit, dass er an eine Wissenstransfermaschine angeschlossen wird. Alles an Informationen soll damit direkt in sein Gehirn übertragen werden. Kein Lernen für Hajime, kein Infodump für den Leser. Am Ende ist trotzdem niemand schlauer. Was aber nichts macht.

Die Königin der 1000 Jahre ist ein Manga, der eine weitverzweigte und irrwitzige Geschichte auffächert. Eine mysteriöse Untergrundorganisation jagt Meteoritenstücke und bekämpft Yayoi, die als »Königin der 1000 Jahre« auf der Erde lebt, am Ende des ersten Bands ihre Nachfolgerin für den Posten trifft, die so aussieht wie Yayoi selbst. Matsumoto betreibt ein munteres Spiel mit Yayoi und ihren Doppelgängern. Dazu tut sich die Hohlerde auf, Tokio, New York und Moskau fliegen losgelöst durch das All und ständig tauchen Kampfhubschrauber auf. Bald fragen weder Hajime noch die Leser nach Sinn und Verstand, sondern lassen sich von dieser Geschichte überwältigen.

Matsumoto verarbeitet in Königin der 1000 Jahre die Geschichte des Bambusschneiders, einer mehr als 1000 Jahre alten japanischen Erzählung. Darin geht es um Prinzessin Kaguya vom Mond, die als Findelkind auf der Erde landet und von einem Bambussammler gefunden wird. Am Ende kehrt sie als überirdisches Wesen zum Mond zurück. Zu den bekanntesten Adaptionen dieser Geschichte gehört der Animationsfilm Die Legende der Prinzessin Kaguya (2013) des Studios Ghibli. Was Orientierung in diesem Manga bietet. Ein wenig. Immerhin.

Die zwei bisher erschienenen Bände zählen zu den derzeit spannendsten Veröffentlichungen, weil Matsumoto innerhalb seiner unübersichtlichen Welt alle Regeln eines Plots einhält und sie gleichzeitig bricht – woraus sich trotzdem eine wunderbare Erzählung ergibt. Wir bekommen Cliffhanger, die nicht nur halten, was sie versprechen, sondern die Erzählung zu einem Wildwuchs an Ideen anwachsen lassen, aus dem sich ein roter Faden löst. Nur führt dieser Faden durch das gesamte Sonnensystem, diverse Meteoriten und an mehreren Planeten vorbei. Wer nach Erklärungen fragt, für den gibt es nur eine Antwort: später.

[Björn Bischoff]

Abbildungen © 2026 Carlsen Verlag GmbH /  © 1980 Leiji Matsumoto, Leijisha - SHOGAKUKAN


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