»Wir leben jetzt in den Wolken.«
Arco – Eine fantastische Reise durch die Zeiten![]()
Drehbuch: Ugo Bienvenu, Félix de Givry
Regie: Ugo Bienvenu
Wild Bunch / Central Film Verleih
F, 2025 | 88 Minuten | Farbe | FSK: 6
Kinostart: 09.04.2026
Genre: Animationsfilm, Science Fiction, Kinder, Familie
Für alle, die das mögen: Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft (2018), Mars Express (2023)
Der Junge, der durch die Zeit sprang
Der Animationsfilm Arco zeichnet die Zukunft als farbenfrohe Utopie
Drei Wochen vor dem farbenprächtigen Animationsfeuerwerk Arco startete Der Astronaut in den deutschen Kinos. Der Science-Fiction-Film mit Ryan Gosling und Sandra Hüller in den Hauptrollen, der im Original wie Andy Weirs Romanvorlage Project Hail Mary heißt, spielte nicht nur sein sündhaft teures Budget in kürzester Zeit wieder ein. Das Regieduo Phil Lord und Christopher Miller beweist mit diesem Großprojekt auch, dass Geschichten über die Zukunft der Menschheit nicht zwangsläufig düster sein müssen. So finster die Prognosen für den Planeten Erde in Project Hail Mary auch sind, Lord und Miller setzen ihnen eine positive Botschaft entgegen und diese mit einer Farbpalette um, die in der zeitgenössischen Science Fiction die Ausnahme ist. Wie sehr man sich in diesem Genre an einen kühlen, entsättigten Anstrich gewöhnt hat, ohne sich dessen ständig bewusst zu sein, führt ein Kinobesuch von Project Hail Mary unweigerlich vor Augen, von dem u.v.a. die Verwendung der Gelb-, Rot- und Grüntöne positiv im Gedächtnis bleibt. Noch ein wenig bunter geht es in Ugo Bienvenus Langfilmdebüt Arco zu:
Bienvenu und sein Co-Autor Félix de Givry erzählen von gleich zwei Zukünften. Denn die Vergangenheit, in die der zehnjährige Titelheld aus dem Jahr 2932 zurückreist, liegt im Jahr 2075. Dort trifft Arco auf die gleichaltrige Iris. Das Mädchen entdeckt den in seinen Regenbogenmantel gehüllten und vom Himmel gestürzten Jungen reglos in einem Wald und nimmt sich seiner an. Der Hausroboter Mikki (der bereits in mehreren Comics Bienvenus auftrat) steht Iris mit Rat und Tat zur Seite. Dass sie nicht etwa ihre Eltern, sondern eine Maschine um Hilfe bittet, gibt einen ersten Hinweis darauf, wie die von Bienvenu und de Givry erdachte Welt knapp 50 Jahre in unserer Zukunft aufgebaut ist. In der Vorstellung des Drehbuchgespanns ist sie zwar farbenfroh, aber alles andere als rosig.
Iris' Vater und Mutter arbeiten an weit entfernten Orten. Zu Hause sind sie so gut wie nie. Zum gemeinsamen Abendessen und für eine Gutenachtgeschichte vor dem Schlafengehen schauen sie als Hologramme vorbei. Mikki schmeißt nicht nur den gesamten Haushalt, sondern übernimmt auch die Erziehung von Iris und ihrem kleinen Bruder Peter, denen der Android zu einem Ersatzelternteil geworden ist. Und auch die scheinbar blühende Natur, in der das Zuhause der Familie steht, entpuppt sich bald als bildhübsche Fassade, hinter der sich Abgründe auftun. Im Jahr 2075 hat die Menschheit die Erde bereits so weit zerstört, dass ein unbeschwertes Leben nur noch unter riesigen, schützenden Kuppeln möglich ist, die alle erdenklichen Gefahren von verheerenden Stürmen bis hin zu alles verschlingenden Waldbränden fernhalten. Im Verlauf der Handlung rückt ein flammendes Inferno gefährlich nah.
Ganz anders sieht es in Arcos weit entfernter Zukunft aus. In dieser hat sich die Menschheit als Reaktion auf die steigenden Meeresspiegel in die Höhe zurückgezogen. Gigantische Plattformen im Himmel bieten ein neues Zuhause. Dort leben die Menschen endlich (wieder) im Einklang mit der Natur:
Bis Arco zu seiner Familie in seine Zeit zurückkehren kann, muss er zunächst ein großes Abenteuer mit Iris bestehen. Die zwei Kinder versuchen, Arcos kaputten Regenbogenmantel wieder flottzumachen und erwehren sich dabei dreier ebenso kurioser wie ulkiger Verfolger, die sich schließlich als Verbündete erweisen. Das Schöne daran sind die unvorhergesehenen Wege, die die jungen Charaktere auf vertrauten Science-Fiction-Pfaden einschlagen. Denn Ugo Bienvenu und Félix de Givry gelingt es immer wieder, Elemente, die sich im Genre bewährt haben, mit Einfällen zu verschränken, die ungemein originell und frisch wirken.
Die Entscheidung, die Geschichte aus einer kindlichen Perspektive zu erzählen, ermöglicht es dem Autorenduo zudem, einen Humor einzustreuen, der in seiner vermeintlich naiven Weltsicht entwaffnend ehrlich ist. Arcos aufmerksamer Blick auf ihm unbekannte Dinge wirft beispielsweise Fragen auf. »Und was sind diese Schachteln?«, möchte er bei einem Spaziergang durch Iris' Nachbarschaft wissen. »Rate!«, fordert ihn Iris auf. »Vogelhäuschen?«, vermutet Arco. »Nein, ganz falsch. Briefkästen«, klärt Iris auf. »Briefkästen?«, hakt Arco nach, bevor die Unterhaltung ein pointiertes Ende nimmt: »Ja, um Briefe zu bekommen. Aber wir benutzen die Dinger nicht mehr. Es kommen ja nur noch schlechte Nachrichten.«
Das Schönste an Arco ist jedoch nicht dessen mitreißende Geschichte, sondern deren atemberaubende visuelle Umsetzung. Auch hier setzt Ugo Bienvenu auf einen Mix aus Altbekanntem und Neuem. Die hangefertigten 2D-Animationen sind mit der Unterstützung von 3D-Technik entstanden. Dadurch sieht das erste abendfüllende Werk des 1987 geborenen Franzosen wie eine Kreuzung japanischer Animationsfilme aus dem Studio Ghibli und einer aufgefrischten Variante französischer Klassiker wie Les Maîtres du temps (1982) und Gandahar (1987) aus. »Nachdem ich mehrere Kurzfilme, Musikvideos und einige Science-Fiction-Comics für Erwachsene geschrieben und inszeniert hatte, wollte ich einen Familienfilm in genau diesem Genre machen«, sagt Bienvenu. »Einen Film für uns und unsere Kinder, in klarer Form, ähnlich der Abenteuergeschichten, die uns geprägt haben, als wir jung waren, und die in gewisser Weise unsere gemeinsame Grundlage sind.«
Das ist Bienvenu so überzeugend geglückt, dass sein Film auf jedem Festival, wo er zu sehen war, großen Eindruck hinterlassen hat. Nach seiner Weltpremiere im Mai 2025 bei den 78. Internationalen Filmfestspielen in Cannes gewann er einen Monat später den Hauptpreis beim Festival d'Animation Annecy. Es folgten u.a. eine Golden-Globe- und eine Oscar-Nominierung. Was Arco so sehenswert macht, ist die hoffnungsfrohe Botschaft, die die Zukunft unseres Planeten trotz all unserer Unzulänglichkeiten nicht ohne uns, sondern mit uns Menschen denkt. Hier sind sich Arco und Project Hail Mary ganz nah, so unterschiedlich die erzählten Geschichten und das anvisierte Publikum auch sein mögen. Denn beide Filme beweisen: Der Blick in die Zukunft, er kann auch glücklich machen!
[Falk Straub]
Abbildungen © 2026 Remembers, MountainA





