»Reden heilt, ja, aber nur, wenn jemand zuhört.«
FRISCH GELESEN: Archiv
Story: Annick Cojean
Zeichnungen: Tamai Baudouin (Illustrationen), Théa Rojzman (Szenario)
bahoe books
Hardcover | 144 Seiten | Farbe |28,00 €
ISBN: 978-3-90347-853-4
Genre: Sachcomic, Adaption von Zeitungsartikeln
Für alle, die das mögen: Gedenkliteratur
Wie geht man mit den Erinnerungen an das schlimmste Grauen um, das man durchlebt oder gar verursacht hat? Im Hinblick auf den Holocaust waren Opfer und Täter lange Zeit in Schweigen versunken. Zwar hat in Deutschland die 68er-Generation versucht klarzumachen, wie krank genau dieses Schweigen besonders auch die nachfolgende Generation macht, doch die Mauer zu durchbrechen war eine wirklich schwere Aufgabe. Ruhigere und langfristigere Projekte wie das Fortunoff-Videoarchiv der Yale University, wo eine Gruppe von Wissenschaftlern damit begonnen hatte, Videoaufzeichnungen von den Berichten von Überlebenden des Holocaust anzufertigen, haben einen nachhaltigeren Einfluss nehmen können.
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Die unsichtbare Präsenz des Grauens
Diese Videodokumente sind zum Ausgangspunkt der Arbeit von Annick Cojean geworden. Sie ist eine französische Journalistin, die hauptsächlich für Le Monde arbeitet. Für die Pariser Zeitung veröffentlichte sie 1995 eine Reihe von fünf Artikeln, in der sie sich mit den Überlebenden und den Verursachern der Shoah und deren Nachkommen auseinandersetzt. Ihre intensive und durchaus auch sehr persönliche Beschäftigung mit der Thematik und die daraus resultierenden Texte brachten ihr 1996 den Albert-Londres-Preis ein, den renommiertesten Journalistenpreis Frankreichs. In jedem Artikel beleuchtet sie eine andere Seite der Shoah. Ausgangspunkt sind die Überlebenden und deren oftmals nicht offenliegendes, ersticktes Leid mit all dem Horror und Trauma, das sie durchlitten und immer noch durchleben. Im nächsten Schritt befasst Cojean sich mit den Kindern dieser Menschen und dem vererbten Trauma, oft unbewusst und im Schweigen vergraben. Dies führt sie zu der Frage, ob die Kinder der Nazis nicht ebenso leiden, wobei sie auch vor der Auseinandersetzung mit Holocaustleugnern nicht zurückschreckt. Im vierten Artikel beschäftigt sie sich mit der Frage, ob ein Dialog zwischen den beiden Seiten möglich sein kann und findet anschauliche Beispiele. Abschließend schaut sie auf die Bemühungen verschiedener Menschen, aus der Shoah eine Lehre zu ziehen und für zukünftige Generationen als Mahnung zu erhalten, um das »Nie wieder« zu verinnerlichen und zu leben.
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Farbgebung und Bildsprache lassen das Unaussprechliche sichtbar werden.
Die beiden französischen Illustratorinnen und Comiczeichnerinnen Théa Rojzman und Tamai Baudouin haben sich gemeinsam mit Annick Cojean dieser Artikelserie angenommen und sie als beeindruckenden und kraftvollen Comic umgesetzt. Baudouin hat maßgeblich gezeichnet und Rojzman die grafische Umsetzung der Erlebnisse und Empfindungen der Interviewten wie auch der Interviewerin gestaltet. Dabei erweist sich der Comic als ausdrucksstarke Form, mit der es den Zeichnerinnen gelingt, Unaussprechliches sichtbar zu machen. Das Grauen, welches durch das Erlebte ausgelöst wurde, durch das stumme Leiden der eigenen Eltern oder durch das intensive Bearbeiten all der Berichte darüber, ist schwer zu greifen und wird in Erinnerungen an die Shoah in expressionistischen, oft bedrohlichen und vereinnahmenden Bildern umgesetzt. Dabei stehen die sehr realistischen Zeichnungen den oft surrealen Settings gegenüber und versinnbildlichen damit die innere Zerrissenheit der Betroffenen. Diese Szenen werden durch die Farbgebung in intensiven Sepiatönen einfühlsam betont. Gleichzeitig fangen sie sehr sensibel Cojeans Schreibstil ein.
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Die intensive Beschäftigung mit der Thematik hinterlässt ihre Spuren.
Im Anhang finden sich mehrere Texte. Darunter sind Informationstexte zu Videoarchiven, ein Interview mit dem Historiker Tal Bruttmann, der auch ein Vorwort beigesteuert hat und ein Zeitzeugenbericht. Die beiden letzten Texte stammen von Annick Cojean und zeugen von ihrer Schreibkraft und ihrer tiefen emotionalen, aber auch journalistisch akkuraten Auseinandersetzung mit der Shoah. Der abschließende Appell »Plus jamais ça« bleibt in unserer Zeit leider aktueller denn je und die Neuinterpretation der inzwischen mehr als 30 Jahre alten Artikel ist ein wichtiger Bestandteil, um zu sagen »Nie wieder ist jetzt.«
[Mechthild Wiesner]
Abbildungen © 2025 bahoe books / Annick Cojean, Tamai Baudouin, Théa Rojzman
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