»Gibst du mir das Salz?«
FRISCH GELESEN: Archiv
Story: Bianca Bagnarelli
Zeichnungen: Bianca Bagnarelli
Reprodukt
Hardcover | 224 Seiten | Farbe | 25,00 €
ISBN: 978-3-95640-545-7
Genre: Drama, Science Fiction
Für alle, die das mögen: Hier, Sabrina, Seek You
Raymond Carver, Alice Munro und Flannery O'Connor – größere Namen gingen in der Ankündigung von Kreaturen nicht. Wobei es ein unfairer Vergleich ist. Für Carver, Munro und O'Connor. Bianca Bagnarelli führt auf knapp 220 Seiten vor, was grafische Literatur vermag. Kreaturen beweist vor allem: Comics können Dinge, die kann die Literatur, die nur mit Worten arbeitet, nicht umsetzen.
In den dreizehn Kurzgeschichten der 1988 in Mailand geborenen Bagnarelli geht es um die stillen, zwischenmenschlichen Momente, die Carver und Munro so präzise einfingen. Bagnarelli arbeitet stark mit flächigen Farben in einem Stil, der Details zulässt, seine Atmosphäre aber nie überlädt. Selbst das Warten an einem Zebrastreifen komponiert sie mit einem exakten Blick, der Figur und Stimmung ausbalanciert. Und die Badezimmer erst!

Bagnarellis Figuren stehen dort oft, waschen sich, betrachten sich im Spiegel, während die Welt an ihnen vorbeizieht. Diese Verletzlichkeit, dieses Aussperren der Welt, um zu sich zu finden, gehört bei Bagnarelli zu den Szenen, in denen sie ihre Fähigkeiten eindringlich einsetzt. Und wenn aus diesen ohnehin schon großartigen Kurzgeschichten ein paar Seiten noch herausstechen, sind es die Seiten von »Töchter«, einer kurzen Episode während der Pandemie, bei der zwei erwachsene Töchter damit hadern, ihren gebrechlichen Vater fortzubringen, damit er Hilfe bekommt. Die letzten drei Seiten gehören zu den besten, eindringlichsten, bewegendsten Seiten, die ein Comic in den vergangenen Jahren gezeigt hat.
Aus dem Off spricht eine Stimme, die dem Vater der beiden Töchter gehören könnte. Es bleiben noch Reste eines Dialogs im Raum, den die Töchter draußen vor dem Haus führen: »Kannst du fahren? Wäre mir lieber.« Die Perspektive bleibt gleich, der Blick geht zu einem Fenster hoch, es ist der Blick des Vaters, der unter dem Fenster in seinem Bett liegt. Die Wolken ziehen vorbei, das Licht verändert sich langsam. Das bedrohliche Rot des Sonnenuntergangs bleibt als letztes Bild stehen. Das gleiche Rot, das sich am Anfang zeigt, als eine der Töchter in ihr Auto steigen will und doch wieder ins Haus zurückkehrt. Sonst nichts.

Das funktioniert so nur im Kontext von Bagnarellis Erzählen, aber es ist ein so eigenes Erzählen, wie es sonst kaum jemand aktuell in der grafischen Literatur betreibt. Bagnarelli muss ihre Leerstellen nicht mit Wörtern umschreiben, muss nicht wie Carver und Munro die Lücken erst schlagen, damit sie sichtbar sind. Ihre Layouts, ihre Bilder tun dies aus sich heraus, aus den Räumen und Flächen, die sie erzeugen. So erschafft Bagnarelli eine Ambivalenz, die ein gegenwärtiges Publikum irritieren kann. Sie entsteht erst, wenn die Leserinnen mitdenken, mitfühlen, sich einlassen.
Die Pandemie taucht auf, tote Hasen spielen eine Rolle, eine einseitige Liebe zerbricht in einem Club. Bei all dem stillen Drama, all dem offensichtlichen und verborgenen Schmerz tragen diese Geschichten jedes Mal auch Trost in sich.

In Italien erhielt Bagnarelli bereits vor zehn Jahren den Lorenzo-Bartoli-Preis als vielversprechendste Comiczeichnerin Italiens. Sie illustrierte Werke von Haruki Murakami und Kazuo Ishiguro, veröffentlichte im New Yorker und in der New York Times. Umso wichtiger, dass ihr eigenes Erzählen nun einen Band in deutscher Übersetzung erhalten hat.
[Björn Bischoff]
Abbildungen © 2026 Reprodukt / Bianca Bagnarelli
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