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Comics des Jahres: Unsere Favoriten 2025

Welche Comics waren die besten des Jahres 2025? Wie jedes Jahr haben wir auch im gerade zu Ende gegangenen nach den drei Lieblingscomics unserer Autorinnen und Autoren gefragt. Das Ergebnis ist nicht völlig deckungsgleich mit unseren Top 20 in der aktuellen ALFONZ-Ausgabe 1/2026. Was unsere »ALFONZos« sonst noch alles empfehlen, gibt es hier nachzulesen.

Die Comics des Jahres 2025
der ALFONZ-Redaktion und -Mitarbeiter

Wer sich für unsere Comics des Jahres interessiert, kann getrost zu ALFONZ 1/2026 greifen. Darin widmen wir den besten Comics, Manga, Gesamtausgaben und Kindercomics fünf Seiten. Einen kurzen Überblick bietet die Tabelle unten. Doch nicht jeder Titel, der bei unseren Autorinnen und Autoren einen Podestplatz belegt hat, hat es in die Top 20 geschafft. Zeit also, unsere »ALFONZos« zu Wort kommen zu lassen. Welche Neuerscheinungen des vergangenen Jahres zählen zu ihren ganz persönlichen Top 3 des Jahres 2025? Wir dürfen gespannt sein! (Und bitte nicht wundern, dass der eine oder andere Spitzentitel vom Jahresende fehlt. Denn unser ALFONZ-Bewertungszeitraum erstreckt sich von November 2024 bis Oktober 2025.)

Ein Klick auf die Verlage führt direkt auf deren Homepage, ein Klick auf das Cover zum entsprechenden Titel und ein Klick auf das Foto unserer »ALFONZos« zu deren Online- oder Social-Media-Auftritten (sofern vorhanden).


 


Veit Christoph Baecker

Platz 1:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

Nein, es handelt sich nicht um einen Softporno mit Nazis – auch wenn das in meinen Augen verunglückte Titelbild genau das nahelegen könnte. Der französische Zeichner Luz (Vernon Subutex u.a.) macht das Gemälde Zwei weibliche Halbakte des deutschen Malers Otto Mueller zu seiner Hauptfigur. Vom Zeitpunkt seiner Entstehung im Jahr 1919 wird die Geschichte aus der Perspektive des Gemäldes erzählt. Der Leser sieht die sich wandelnde Welt aus dem Blickwinkel des Bildes. Der Comic ist ein überaus geistreicher Streifzug durch die deutsche Kulturgeschichte und Historie von der Weimarer Republik bis heute. Ein Schwerpunkt liegt – wie sollte das bei einem Gemälde, das als entartete Kunst ausgestellt wurde, anders sein – auf der Zeit des Nationalsozialismus. Und ist damit auch eine Warnung für die Gegenwart: Rechtsextreme haben mit Freiheit, Kunst und Menschenrechten nichts am Hut.

Platz 2:
Der große Zwischenfall

Text: Zelba
Zeichnungen: Zelba
Helvetiq | HC | Farbe | 128 Seiten | 25,00 €

Der kleine Helvetiq Verlag hat sich zu einem Geheimtipp entwickelt und überrascht regelmäßig mit feinen Comicperlen. Der große Zwischenfall, erdacht von der in Frankreich lebenden deutschen Zeichnerin Zelba (Im selben Boot) ereignet sich im altehrwürdigen Louvre in Paris. Die vielen nackten und entblößten Kunstwerke – meist Frauen – treten in den Streik. Sie fordern von den Betrachtern einen respektvollen Umgang und stellen so die tradierte Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft infrage. Direktion und Mitarbeiterschaft sind verzweifelt, denn es gibt nur einen einzigen Ausweg aus der Misere. Und der ist wirklich ungewöhnlich. Ein faszinierender Rundgang durch ein großes Museum und wichtige gesellschaftliche Themen.

Platz 3:
Shubeik Lubeik

Text: Deena Mohamed
Zeichnungen: Deena Mohamed
Schreiber & Leser | HC | s/w u. Farbe | 528 Seiten | 39,80 €

Dies ist mein erster Comic aus Ägypten und wahrscheinlich für den deutschen Comicmarkt ebenso. Die Geschichte zwischen Aladin und die Wunderlampe und einem wuseligen Großstadtepos überzeugt durch einen raffiniert verschlungenen Plot. Zeichnerin Deena Mohamed stellt die Frage, ob und wie die Erfüllung von Wünschen auf die Menschen wirkt. Denn in der Welt von Shubeik Lubeik können unterschiedlich mächtige Wünsche gekauft und genutzt werden – nach strengen bürokratischen Regeln. Mit sehr unterschiedlicher Wirkung auf die Wünschenden, die nicht immer das bekommen, was sie eigentlich wollten. Neben dem individuellen Schicksal ihrer Hauptfiguren hinterfragt Deena Mohamed auch die gesellschaftlichen Strukturen mit all ihren Ungerechtigkeiten, religiöse und staatliche Repression sowie die Vereinsamung inmitten städtischer Ballungsräume. Ein komplexer und facettenreicher Comic.


Alexander Braun

Platz 1:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

Was für eine Idee, die Zeitläufte des Dritten Reichs und dessen Säuberungsversuche in Sachen »guter« deutscher Kunst konsequent aus der Perspektive eines Gemäldes von Otto Mueller zu erzählen. Formal und inhaltlich brillant. Eine solche Innovation hätte man sich von einem/einer deutschen Comicschaffenden gewünscht. Umso größer das Verdienst von Luz, der als Franzose bloß von außen guckt. Comic des Jahres.

Platz 2:
Elmer

Text: Gerry Alanguilan
Zeichnungen: Gerry Alanguilan
Dantes | SC | s/w | 144 Seiten | 18,00 € (lim. HC mit Print: 30,00 €)

Die Frankfurter Buchmesse mit ihrem Gastland Philippinen macht es möglich: Endlich ein aktueller Blick auf den Inselstaat, dessen Zeichner dem US-Comic schon während der 1970er-Jahre so wertvolle künstlerische Impulse bescherten. Nun, dank des Dante-Verlags auch endlich philippinische Graphic Novels. Meisterlich und auf Augenhöhe mit dem Westen. Chapeau!

Platz 3:
Céleste Band 2: »Es wird Zeit, Monsieur Proust«

Text: Chloé Cruchaudet
Zeichnungen: Chloé Cruchaudet
Insel | HC | Farbe | 144 Seiten | 26,00 €

Zweite Bände haben es immer schwer in einer Jahresbestenliste zu bestehen. Aber Chloé Cruchaudets Blick auf die Beziehung zwischen Marcel Proust und seiner Haushälterin Céleste Albaret ist dermaßen klug und einfühlsam, sensibel und mitreißend, dass man den Band nicht übersehen darf. Mögen alle Promi-Biopics, die einfach nur Wikipedia-Einträge bebildern, zur Hölle fahren. So wie Chloé Cruchaudet macht man das!


Barbara M. Eggert

 

Platz 1:
Jakob Neyder

Text: Franz Suess
Zeichnungen: Franz Suess
avant-verlag | HC | Farbe | 184 Seiten | 29,00 €

Klassenstudie, Metacomic und eine Hommage an Wilhelm Busch – all dies und noch mehr ist der jüngste Comic von Franz Suess, der 2024 mit dem Leibinger Comicbuchpreis ausgezeichnet wurde. Es geht um Schuld, um Konsequenzen – und ein wenig magischer Realismus bricht zum Schluss in die Geschichte ein, für deren visuelle Narration Franz Suess unterschiedliche Facetten seiner stilistischen Vielfalt überzeugend verknüpft.

Platz 2:
Die Frau als Mensch Band 1: »Am Anfang der Geschichte«

Text: Ulli Lust
Zeichnungen: Ulli Lust
Reprodukt | HC | Farbe | 256 Seiten | 29,00 €

In ihrem preisgekrönten Comic räumt Ulli Lust en passant und auf amüsante Weise mit stereotypen Vorstellungen in Bezug auf Geschlechter und Arbeitsteilung in der Steinzeit auf und verdeutlicht die Bedeutung der Empathie für das Überleben der menschlichen Spezies. Ihre künstlerisch-wissenschaftliche Forschung in Comicform denkt auf produktive Weise Anthropologie, Gender Studies und Archäologie zusammen – und es macht großen Spaß, sich hierauf einzulassen.

Platz 3:
Super-GAU

Text: Bea Davies
Zeichnungen: Bea Davies
Carlsen | HC | Farbe | 208 Seiten | 26,00 €

Mit feinem Strich und auf berührende Weise lässt Bea Davies in Super-GAU einschneidende Weltereignisse und persönliche Schicksale ineinanderfließen. Ausgehend von der Katastrophe in Fukushima im Jahr 2011 widmet sie sich dem Leben von acht Menschen in Berlin und Japan und zeigt sukzessive die Verbindungslinien zwischen diesen auf. Besonders gelungen ist der Erzählfluss mit seinen teilweise assoziativen Übergängen.


Norbert Elbers

Platz 1:
Bat-Man – First Knight (lim. Collector's Edition mit Schuber)

Text: Dan Jurgens
Zeichnungen: Mike Perkins
Panini | HC | Farbe | 308 Seiten | 99,00 €

Die Story von Dan Jurgens ist von der ersten Seite an fesselnd – eine echte Detektiv-Geschichte. Und wer ist der weltbeste Detektiv? Batman! Angesiedelt im Jahr 1939 mit einem Bruce Wayne, der aussieht wie Gregory Peck. Meisterhaft eingefangen von Mike Perkins – dem Meister aller Schatten. Die dreibändige Story bietet zwei atemberaubende Cliffhanger in bester Pulp-Manier. In dem zusätzlichen Artwork-Band, der das komplette Meisterwerk in schwarzweißen Tuschezeichnungen enthält (ohne störende Sprechblasen) kommt die ganze ästhetische Wucht der Bilder voll zur Geltung.

Platz 2:
Marina Abramović

Text: Willi Blöss
Zeichnungen: Willi Blöss
Willi Blöss Verlag / Kult Comics | Heft/HC | Farbe | 32 Seiten/36 Seiten | 3,00 €/10,00 €

Viel zu unbeachtet vom sonstigen Comicrummel liefert Willi Blöss regelmäßig seit 2002 neue Hefte in seiner »Comic-Biografie«-Reihe ab. Im Zeitraum November 2024 bis (einschließlich) Oktober 2025 sind neu hinzugekommen Louise Bourgeois, Lyonel Feininger und eben als Band 44 die serbische Performance- und Konzeptkünstlerin Marina Abramović. Für viele gilt sie als die berühmteste Performancekünstlerin der Welt. Der Schmerz ist zur Grundkonstante in Abramovićs Kunst geworden. Blöss versteht es in einzigartiger Weise, diese komplizierte Biografie der lebenden Ausnahme-Künstlerin darzustellen und zu porträtieren. Ein plakativer Zeichenstil sorgt für Klarheit in ihrem komplizierten Leben. Erstaunlich viele Details bringt er umfassend ans Licht und arbeitet auf wenigen Seiten ihr ereignisreiches und wechselvolles Leben nahezu vollumfänglich heraus.
Übrigens: Mit Band 48 ist im Dezember 2025 die Lebensgeschichte von Claire Bretecher veröffentlicht worden.

Platz 3:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

Anhand des (tatsächlich existierenden) Gemäldes Zwei weibliche Halbakte von Otto Mueller (um 1919) erzählt Luz den Lebenslauf und die Provenienz dieses Bildes von 1919 bis zur Hängung im Museum Ludwig in Köln im Jahr 2001. Wir erleben den Aufstieg der Nazis, die das Bild in ihrer Wanderausstellung Entartete Kunst im Jahr 1937 zeigten – und das alles aus der Perspektive des Gemäldes.


Ole Frahm

Platz 1:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

So etwas gab es im Comic noch nicht: Es wird ausschließlich aus der Perspektive eines Bildes erzählt. Wir sehen, was das Bild »sieht«, was sich vor dem Bild abspielt – und in welche Kontexte es gerät (Sammler, Ausstellungen, Depots). Vor allem sehen wir aber, wer es betrachtet: unter anderem Hitler, ein Nachtwächter, Bieter bei einer Auktion, Museumsbesucher. Und natürlich fragt uns Luz in jedem Panel, wie wir es wohl anschauen. Luz' Band ist ein absoluter Glücksfall, der beweist, was Comics (an der Reflexion von Bildern) alles vermögen.

Platz 2:
Die letzte Einstellung

Text: Isabel Kreitz
Zeichnungen: Isabel Kreitz
Reprodukt | HC | s/w | 312 Seiten | 29,00 €

Niemand beherrscht den Bleistift wie Isabel Kreitz. Auf chamoisen Untergrund lässt sie die untergegangene Welt des Dritten Reichs scheinbar mühelos entstehen. Straßen, Gebäude und Ruinenlandschaften werden mit großer Detailfreude konturiert, die aber nie das schließlich einen Comic lesende Auge überfordert. Und doch ist es immer wieder eingeladen, die Geschichte zu unterbrechen und einzelne Panels einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Selbst wo die Schattierungen fotorealistisch wirken, verleugnen sie ihre grafische Herkunft nicht und beanspruchen gerade dadurch ihre historische Wahrheit.

Platz 3:
Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst Grube

Text: Hannah Brinkmann
Zeichnungen: Hannah Brinkmann
avant-verlag | HC | Farbe | 272 Seiten | 30,00 €

Dass formale Experimente nicht bei der Form stehen bleiben müssen, zeigt diese Geschichte des 20. Jahrhunderts: Mit grafisch anspruchsvollen Seiten wird eine anspruchsvolle Geschichte ausgesprochen lesbar erzählt. Das Leben von Ernst Grube mahnt uns, dass der Nationalsozialismus nicht einfach 1945 endete, sondern vielfältig in den bundesdeutschen Institutionen weiterlebte und den Opfern das Leben schwer machte.


Mariana Friedrich

Platz 1
Rainbow

Text: George Abe
Zeichnungen: Masasumi Kakizaki
Manga Cult | SC | s/w | 424 Seiten | 18,00 €

George Abes Rainbow erobert endlich auch auf Deutsch die Buchhandlungen. Die Serie spielt in den Jugendstrafanstalten Japans der 1950er-Jahre. Der erste Band stellt die sieben Jungen vor, die in Zelle 6 in Trakt 2 ihre Strafe absitzen. Oder besser: die versuchen, die Haft zu überleben. Sie haben gelernt, dass die Gesellschaft sie für Monster hält. Sie haben gelernt, dass Recht nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat. Und sie vertrauen niemandem. In dem zwischen 2002 und 2010 in Japan veröffentlichten Manga verarbeitet George Abe seine persönlichen Haft-Erfahrungen und zeigt, wie in dieser Umgebung zaghaft Vertrauen und Freundschaft entstehen können. Die Bildsprache, mit der Masasumi Kakizaki die Figuren zum Leben erweckt, ist gnadenlos und geht ab dem ersten Panel unter die Haut.

Platz 2:
Die Frau als Mensch Band 1: »Am Anfang der Geschichte«

Text: Ulli Lust
Zeichnungen: Ulli Lust
Reprodukt | HC | Farbe | 256 Seiten | 29,00 €

An Ulli Lust kommt man 2025 einfach nicht vorbei. Zu Recht, denn Die Frau als Mensch ist eine fantastische Aufarbeitung unserer eingeübten Vorstellungen, wie oder was Frau ist. Nebendarstellerin in der männlich dominierten Geschichte der Welt? Die Mutter? Die Gebärmaschine? Die zu beschützende Begleiterin? Ulli Lust hinterfragt dieses Bild, untermauert die Zweifel mit aktuellen Erkenntnissen verschiedenster Disziplinen von der Archäologie bis zu den Gender Studies und reist es kurzerhand in Stücke. Unterhaltsam lehrreich, provokant forschend – eine Analyse, die ich nicht nur einmal lesen werde.

Platz 3:
Given Bände 1-9 (im Schuber)

Text: Natsuki Kizu
Zeichnungen: Natsuki Kizu
Egmont Manga | SC | s/w | 1728 Seiten | 79,00 €

Boys-Love-Manga tauchen eher selten in Bestenlisten auf. Doch Given hat in meinen Augen Aufmerksamkeit verdient, denn die neunteilige Mangaserie ist so viel mehr als eine Liebesgeschichte. Der Schüler Uenoyama gilt als virtuoser Gitarrist, doch das Feuer, mit dem er seiner Gitarre früher Töne entlockte, hat er längst verloren. Deshalb weist er die Bitte des Einzelgängers Mafuyu, ihm das Spielen beizubringen, schroff zurück. Doch der lässt nicht locker und Uenoyama mit seiner Einsilbigkeit bald nicht mehr los. Mit Unterstützung von Uenoyamas Bandkollegen stellen sich die beiden ihren inneren Dämonen. Natsuki Kizu führt die Lesenden durch Selbstzweifel, Sprachlosigkeit und Verlustängste – immer auf der Suche nach der eigenen Stimme und mit einem Erzählstil, der einfühlsam und mitreißend zugleich wie eine sanfte Melodie erklingt.


Lutz Göllner

Platz 1:
Criminal Deluxe Edition Band 1

Text: Ed Brubaker
Zeichnungen: Sean Phillips
Schreiber & Leser | HC | Farbe | 432 Seiten | 49,80 €

Demnächst als Serie bei Prime Video, jetzt schon als Reprint zum Wiederentdecken. Um es kurz zu machen: Ed Brubaker ist z.Zt. der beste Comicautor in den USA, Criminal, eine Anthologie von abgeschlossenen Geschichten, die zusammen ein großes Bild, ach was, eine ganze Welt ergeben. Bru erzählt Geschichten aus der proletarischen Unterwelt, spannend und bewegend.

Platz 2:
Royal City

Text: Jeff Lemire
Zeichnungen: Jeff Lemire
Skinless Crow | HC | Farbe | 408 Seiten | 49,90 €

Wenn sich der Kanadier Superhelden vornimmt, sind das immer Geschichten, die nie unter ein gewisses Niveau sinken. Großartig und herzzerreißend sind jedoch seine Independent-Comics, wie eben diese Story einer dysfunktionalen Familie, die in einer deindustrialisierten Stadt lebt. Wahnsinnig schöne deutsche Ausgabe, übrigens, gemacht von Menschen, die Bücher lieben.

Platz 3:
Die letzte Einstellung

Text: Isabel Kreitz
Zeichnungen: Isabel Kreitz
Reprodukt | HC | s/w | 312 Seiten | 29,00 €

Isabel Kreitz bleibt sich selber treu, die kaum verhohlene Geschichte von Erich Kästner und seiner Verhaltensweise während des Dritten Reichs stellt die richtigen Fragen, verkneift sich aber wohlfeile Urteile. Dass Kreitz sich jetzt – nach so vielen Jahren – einen neuen Verlag suchen musste, schadet Carlsen nachhaltig, nutzt aber Dirk Rehms wunderbarem Reprodukt Verlag.


Christoph Haas

Platz 1:
Der Abgrund des Vergessens

Text: Rodrigo Terrasa, Paco Roca
Zeichnungen: Paco Roca
Reprodukt | HC | Farbe | 304 Seiten | 34,00 €

Francisco Franco starb am 20. November 1975. Ein Spanien ohne den »Generalissimo«? Das erschien zumindest seinen Anhängern unvorstellbar. Die transición, der Übergang von der Diktatur zur Demokratie, verlief dann aber, trotz Terrorakten linker und rechter Extremisten, insgesamt in geordneten Bahnen. Der Preis hierfür war – und ist es teilweise bis heute – das Verdrängen der Vergangenheit. Denn nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg hörte das Morden nicht auf und traf oft völlig Unschuldige, die in Massengräbern verscharrt wurden. Deren Öffnung wurde erst 2007, im »Gesetz zur historischen Erinnerung«, legalisiert. Paco Rocas Graphic Novel, basierend auf einem Szenario des Investigativreporters Rodrigo Terrasa, schildert den authentischen Fall von Josefa Celda, der es 2013 gelang, das Skelett ihres 1940 nach einem Scheinprozess erschossenen Vaters identifizieren zu lassen. Der Abgrund des Vergessens ist ein bewegendes Zeugnis unbeirrbarer Humanität in finsterer Zeit – und dass dieser Comic auch brillant gezeichnet ist, versteht sich bei Paco Roca von selbst.

Platz 2:
Die Frau als Mensch Band 1: »Am Anfang der Geschichte«

Text: Ulli Lust
Zeichnungen: Ulli Lust
Reprodukt | HC | Farbe | 256 Seiten | 29,00 €

Platz 3:
Joe's Bar Gesamtausgabe

Text: Carlos Sampayo
Zeichnungen: José Muñoz
avant-verlag | HC | s/w | 336 Seiten | 40,00 €


 Iris Haist

Platz 1:
Schweigen

Text: Birgit Weyhe
Zeichnungen: Birgit Weyhe
avant-verlag | HC | | Farbe | 368 Seiten | 39,00 €

Wie es der Titel verheißt, erzählt Birgit Weyhe in diesem Buch vom Schweigen. Weyhe macht dieses Schweigen und dessen Hintergründe an den Schicksalen zweier bemerkenswerter Frauen fest: Ellen Marx (1921–2008) und Elisabeth Käsemann (1947–1977). Dabei wird einmal mehr ein eher unbekanntes Kapitel unserer Geschichte beleuchtet. Ellen Marx flüchtet als Jugendliche aus Nazi-Deutschland nach Argentinien. Ihre Tochter schließt sich, wie auch die deutsche Studentin Elisabeth Käsemann, dem Widerstand gegen die Junta-Regierung in Argentinien an – und verschwindet, wie Käsemann. Darauf folgen Verzweiflung – und Schweigen. Schweigen auf Seiten der Hinterbliebenen, der Täter:innen, der Regierungen. Weyhe führt Interviews mit Zeitzeug:innen, nimmt die Originalschauplätze in Augenschein und befragt die Fachliteratur. Dann erzählt sie uns die Essenz dieser Recherchen prägnant und schneidend ehrlich. Gerade diese historisch-gründliche Vorgehensweise macht Weyhes Bücher – nun auch Schweigen –, zusammen mit ihrer ganz eigenen Formensprache so außergewöhnlich.

Platz 2:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

Platz 3:
Die letzte Einstellung

Text: Isabel Kreitz
Zeichnungen: Isabel Kreitz
Reprodukt | HC | s/w | 312 Seiten | 29,00 €


Volker Hamann

Platz 1:
Die letzte Einstellung

Text: Isabel Kreitz
Zeichnungen: Isabel Kreitz
Reprodukt | HC | s/w | 312 Seiten | 29,00 €

In ihrem ersten langen Comic nach zehn Jahren beschäftigt sich Isabel Kreitz mit jener Zeit, die sie »das primäre Thema meiner Generation« nennt. Die letzte Einstellung spielt im Spätsommer 1944 und erzählt vom Schriftsteller Heinz Hoffmann und dessen Bemühen, im Berlin zuzeiten des »Dritten Reichs« als »verbotener Autor« bestehen zu können. Großen Beistand erhält er von seiner Geliebten Erika Harms, einer Mitarbeiterin der Ufa, die ihm einen Job als Ghostwriter für das Drehbuch eines Propagandafilms der Nationalsozialisten verschafft. An einem dieser damals tatsächlich noch begonnenen Filme, der heute als verloren gilt, hatte auch Erich Kästner mitgeschrieben. Das ist nicht die einzige Parallele zur Biografie des Schriftstellers, dessen Kinderbücher Kreitz zuletzt mit großem Erfolg als Comic adaptiert hat.
Mit der fast 300 Seiten langen, »mit Fakten unterfütterten Fiktion«, die statt wie bisher bei Carlsen nun bei Reprodukt erschienen ist, gelingt Kreitz ein stark erzähltes Werk über Kunstschaffende in einer Diktatur und bietet ihr die Gelegenheit, detailreiche Darstellungen von Filmsets und Stadtszenen aus toller Perspektive einzustreuen.

Platz 2:
Herr der Fliegen

Text: William Golding, Aimée de Jongh
Zeichnungen: Aimée de Jongh
Splitter | HC | Farbe | 352 Seiten | 35,00 € (VZA: 49,80 €)

Platz 3:
Nestor Burma: »Rififi in Menilmontant«

Text: Jacques Tardi
Zeichnungen: Jacques Tardi
Schreiber & Leser | HC | 200 Seiten | Farbe | 29,80 €


Matthias Hofmann

Platz 1:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

Platz 2:
Monica

Text: Daniel Clowes
Zeichnungen: Daniel Clowes
Reprodukt | HC | Farbe | 106 Seiten | 24,00 €
 
Platz 3:
Herr der Fliegen

Text: William Golding, Aimée de Jongh
Zeichnungen: Aimée de Jongh
Splitter | HC | Farbe | 352 Seiten | 35,00 € (VZA: 49,80 €)


Alex Jakubowski

Platz 1:
Die alten Knacker Band 8: »Die kleinen Strolche«

Text: Wilfrid Lupano
Zeichnungen: Paul Cauuet
Splitter | HC | Farbe | 56 Seiten | 17,00 €

Platz 2:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

Platz 3:
Asterix Band 41: »Asterix in Lusitanien«

Text: Fabcaro
Zeichnungen: Didier Conrad
Egmont | SC/HC | Farbe | 48 Seiten | 7,99 €/13,50 €


Marcus Kirzynowski

Platz 1:
Blutdrache

Text: Bédu
Zeichnungen: Bédu
Kult Comics | HC | Farbe | 96 Seiten | 24,00 € (VZA: 45,00 €)

Als der weise König von Ergwad stirbt, muss seine junge Tochter Helia über sich hinauswachsen. Denn nicht nur ihr bösartiger Halbbruder, sondern auch ein aus dem Schlaf erwachender Drache bedrohen das Land. Rund dreißig Jahre nach Hugo & Toto kehrt Bédu ins Fantasygenre zurück und schafft ein zeitloses Märchen in detailreichem Funnystil. Das erfindet das Genre nicht neu, hat aber Humor, Spannung, Tragik und am Ende eine schöne Botschaft. Ein höchst willkommenes Lebenszeichen des bei uns stark unterschätzten Altmeisters der École Marcinelle.

Platz 2:
Habemus Bastard Band 1: »Das notwendige Übel«

Text: Jacky Schwartzmann
Zeichnungen: Sylvain Vallée
Splitter | HC | Farbe | 88 Seiten | 22,00 €

Lucien ist Auftragskiller. Als ein Einsatz schiefgeht, gerät er selbst in den Fokus eines Auftraggebers und taucht unter – ausgerechnet als falscher neuer katholischer Pfarrer in einer kleinen Gemeinde. Hier blüht der harte Kerl auf, bieten Amt und Soutane doch ungeahnte Vorteile, darunter die Ehrerbietung junger, attraktiver Gemeindemitglieder. In seinem gewohnt karikaturesken Stil inszeniert Vallée eine zwischen sarkastischem Noir und existentialistischen Fragen pendelnde Farce. Selten war ein fiktiver – wenn auch falscher – Pfarrer so menschlich.

Platz 3:
FRNCK Band 8: »Exodus«

Text: Olivier Bocquet
Zeichnungen: Brice Cossu
Splitter (toonfish) | HC | Farbe | 56 Seiten | 15,95 €

Im achten Teil dieser Ausnahmeserie reist Anouk zurück in die Urzeit, um ihren vor Jahrzehnten dort gestrandeten Freund zu retten. Damit könnte sie aber auch ihr eigenes zwischenzeitlich gelebtes Leben inklusive ihrer Kinder von der Zeitachse löschen. Kurz bevor der Asteroid einschlägt, der die Dinosaurier aussterben lassen wird, planen die in der Urzeit Lebenden um Franck ihren Zeitsprung ins 21. Jahrhundert. In einer gerechten Welt würde sich diese Serie genauso gut verkaufen wie Asterix, hat sie doch alles, was viele endlos fortgesetzte Klassiker längst nicht mehr haben: spritzigen Humor, atemlose Spannung, dramatische, rührende und romantische Momente – und ganz nebenbei werden noch philosophische Fragen durchdekliniert. Ein moderner Semi-Funny für alle von 7 bis 77.


Peter Lau

Platz 1:
No Longer Human

Text: Osamu Dazai, Junji Itō
Zeichnungen: Junji Itō
Carlsen Manga | HC | s/w | 624 Seiten | 32,00 €

Angst! Davon handelt Horror bekanntlich immer, doch in dieser Adaption eines japanischen Literaturklassikers braucht sie keine Ursache, von der sie erzeugt wird – sie entspringt dem innersten Kern der Hauptfigur, die seit ihrer Kindheit davon überwältigt ist. Das autofiktionale Buch von Osamu Dazai, der sich nach der Fertigstellung umgebracht hat, ist eine an sich schon entsetzliche Studie einer Depression und/oder Angststörung, doch die Version von Junji Itō, Japans eindringlichstem Horrormangaka, führt sie mit vielen expliziten Bildern, weiteren schrecklichen Ideen und gnadenloser Härte zu neuen Untiefen. Ein Tiefpunkt reiht sich an den nächsten, bis zum Schlimmsten, den »zehn Klumpen Unheil in mir«. Ein Horror, der allem anderen Horror Angst macht.

Platz 2:
Mujina Into the Deep

Text: Inio Asano
Zeichnungen: Inio Asano
Tokyopop | SC | s/w | 208 Seiten | 9,00 €

Bereits im ersten Band bilden eine alte (30) Mujina, also eine rechtlose Samurai-Killerin, eine naive Fünfzehnjährige, die beinahe in der Prostitution gelandet wäre, und ein boomerhafter Agenturchef eine abwegige Wohngemeinschaft, die ihren Alltag (Mordaufträge, Entwicklung von Games, Selbstfindung) in einer entzückenden Balance zwischen emotionaler Wärme und gnadenlosem Humor bewältigt. Das Tempo ist hoch, die Themenwechsel abrupt und die Bilder sind ultradetailliert, wie bei Inio Asano üblich, was das Buch zur perfekten Lektüre für Menschen macht, die Voicemails auf mindestens 1,5-facher Geschwindigkeit hören.

Platz 3:
Der fantastische Bus

Text: Jakob Martin Strid
Zeichnungen: Jakob Martin Strid
Kunstmann | HC | Farbe | 204 Seiten | 68,00 €

Ein gigantisches Buch (2,5 Kilogramm) in Cinemascope (Doppelseiten über 70 Zentimeter breit), an dem der Autor Jakob Martin Strid 16 Jahre gearbeitet hat. Für Kinder geht die Geschichte so: Eine bunte Gruppe Kinder und Erwachsener reist in einem gigantischen Bus (18.000 PS) nach Balanka, um dort Safran-Lilien zu finden, Ruhe und den vor Jahrzehnten verlorenen Freund Pierre. Für Erwachsene ist es eine optimistische Post-Kollaps-Geschichte, in der sich nach einem Atomkrieg eine Truppe gesellschaftlicher Randfiguren in eine viel bessere Welt aufmacht. Wunderschön werden das Buch alle finden, mehrfach lesen ist selbstverständlich, und am Ende belämmert lächeln gehört unbedingt dazu. Mein Kindercomic des Jahres.


Peter Nover

Platz 1:
Nach Mitternacht

Text: Gaëlle Geniller
Zeichnungen: Gaëlle Geniller
Splitter | HC | Farbe | 208 Seiten | 29,80 €

Nach dem Erfolg ihrer 2022 mit dem Prix de la Mouette ausgezeichneten Graphic Novel Die Blüte von Paris erkundet die Künstlerin Gaëlle Geniller erneut die Welt der 1920er-Jahre. Behutsam entfaltet sie ihre von Poesie durchdrungene Geschichte, in der das Thema der Abwesenheit eine zentrale Stellung einnimmt. In dieser visuell atemberaubenden Graphic Novel widmet sich Geniller mit sichtlicher Lust an ebenso eleganter wie origineller Seitengestaltung dem Stil des Art déco. Die durch Symbolik und unterschwelligen Grusel geprägte Erzählung spielt dabei gekonnt mit der Schauerliteratur entliehenen Elementen wie dem eine Atmosphäre der Beklemmung erzeugenden unheimlichen Herrenhaus. Da Die Blüte von Paris und Nach Mitternacht im selben Universum angesiedelt sind, bleibt zu hoffen, dass sich die Wege der jeweiligen Protagonisten in Genillers nächster Publikation kreuzen werden.

Platz 2:
Der große Zwischenfall

Text: Zelba
Zeichnungen: Zelba
Helvetiq | HC | Farbe | 128 Seiten | 25,00 €

Platz 3:
Liberty

Text: Julian Voloj
Zeichnungen: Jörg Hartmann
Splitter | HC | Farbe | 144 Seiten | 29,80 €


Markus Pfalzgraf

Platz 1:
Die Frau als Mensch Band 1: »Am Anfang der Geschichte«

Text: Ulli Lust
Zeichnungen: Ulli Lust
Reprodukt | HC | Farbe | 256 Seiten | 29,00 €

In diesem monumentalen Werk, das auf zwei Bände angelegt ist, räumt Ulli Lust mal kräftig auf – mit Vorurteilen, Unwahrheiten und Klischees über die Rolle der Frau in der Entwicklung des Menschen. Sie entlarvt den männlichen Blick auf die Geschichte als das, was er ist: ein Werkzeug für Machterhalt und Unterdrückung. Bei Ulli Lust ist das stellenweise sehr witzig, auch hier und da mit eigenen Erfahrungen angereichert, aber längst nicht so autobiografisch geprägt wie frühere Werke. Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht!

Platz 2:
Die Philosophin, der Hund und die Hochzeit

Text: Barbara Stok
Zeichnungen: Barbara Stok
Carlsen | HC | Farbe | 304 Seiten | 26,00 €

Eine der wichtigsten Zeichnerinnen der Niederlande bringt uns das Leben und Wirken von Hipparchia nahe, einer der ersten Philosophinnen im 4. Jh. v. Chr. Sie war wohl beeinflusst von Sokrates, aber sonst ist kaum etwas über sie bekannt. Mit aufwändiger Recherche inklusive Reisen an die Originalschauplätze in Griechenland und ihrem einzigartigen, reduzierten und sehr treffenden Stil ist Barbara Stok ein so stimmiges wie lustiges Buch gelungen. In ihrer Heimat ist gerade ihr Gesamtwerk erschienen – und schon arbeitet sie an einem neuen Buch über Sokrates.

Platz 3:
Mein Freund Rilke

Text: Melanie Garanin
Zeichnungen: Melanie Garanin
Carlsen | HC | Farbe | 192 Seiten | 26,00 €

Was für ein Plot: Eine mäßig begeisterte Journalistin berichtet in der heutigen Zeit über eine Rilke-Ausstellung und läuft dabei dem echten, historischen Großdichter über den Weg. Ohne zunächst zu merken, wer er ist, verliebt sie sich in Rainer Maria Rilke. Der kommt natürlich charmant und romantisch daher, auch wenn seine Sprache seltsam aus der Zeit gefallen klingt. Kein Wunder, schließlich ist der Gute schon hundert Jahre tot. Und so kommt die Hommage mit dem besonderen Kniff von Melanie Garanin gerade recht zum Übergang von einem Rilke-Jahr ins andere: 2025 wurde sein 150. Geburtstag begangen, 2026 folgt der 100. Todestag.


Gregor Ries

Platz 1:
Der Abgrund des Vergessens

Text: Rodrigo Terrasa, Paco Roca
Zeichnungen: Paco Roca
Reprodukt | HC | Farbe | 304 Seiten | 34,00 €

Die Begegnung mit der Tochter eines nach Ende des spanischen Bürgerkriegs hingerichteten Bauers initiierte Autor Rodrigo Terrasa zu einer Graphic Novel über die Opfer der franquistischen Säuberungsaktionen. Mit Zeichner Paco Roca rekonstruierte er ausgehend von den Ausgrabungen der Massengräber Anfang der 2010er-Jahre mehrere Schicksale. Mit teils abstrakten Exkursionen etwa in die Antike und Hintergrundinformationen zur spanischen Geschichte würdigt der in klarer Grafik gehaltene Band die Opfer der Franco-Diktatur. Roca und Terrasa plädieren für eine oft unbequeme Aufarbeitung der Gräueltaten, um den Hinterbliebenen einen Ort der Trauer zu geben, wobei ihr Appell zur Versöhnung beeindruckt.

Platz 2:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

Im Kino wurden schon häufiger Geschichten aus statischer Perspektive erzählt – im Comic stellt die Geschichte eines expressionistischen Gemäldes aus dessen Blickwinkel einen ungewöhnlichen Ansatz dar. Meisterlich arbeitet Luz mit der Kunst der Reduktion und des Ausschnitts, wenn im Hintergrund die braunen Horden aufmarschieren, während sich ein jüdischer Kunstmäzen Sorgen um seine Zukunft macht. Mit diesem Zeitporträt über 100 Jahre hinweg setzt sich der Überlebende des Charlie Hebdo-Anschlags mit Kunstfreiheit, Zensur, Unterdrückung, Kunst als Ware, Umgang mit dem Kunsterbe und Kunst als Erinnerungskultur auseinander.

Platz 3:
Hexenkunst

Text: Sole Otero
Zeichnungen: Sole Otero
Reprodukt | HC | Farbe | 376 Seiten | 34,00 €

Wie in Zwei weibliche Halbakte gilt es auch in Sole Oteros neustem Mammutband, manche Zusammenhänge erst herzustellen. Über Jahrhunderte hinweg treiben drei nie alternde Frauen und ihr dämonischer Ziegenbock in Buenos Aires und Umgebung ihr Unwesen. Mitunter tauchen die Hexen nur indirekt auf, wobei es mit den Protagonisten der neun Geschichten meistens kein gutes Ende nimmt. Rund um Themen wie männliche/weibliche Lust, Missbrauch, Macht, Überwachung und Einsamkeit spielt Otero vom illustrierten Tagebuch über surreale Horrorvisionen samt Memes bis hin zum puzzleartigen oder verschachtelten Seitenaufbau meisterlich mit den Möglichkeiten des grafischen Erzählens.


Jan Roidner

Platz 1:
Ava – Die barfüßige Gräfin

Text: Emilio Ruiz
Zeichnungen: Ana Miralles
Schreiber & Leser | HC | Farbe | 112 Seiten | 24,80 €

Das große Thema von Ana Miralles' Zeichenkunst ist die Selbstermächtigung der Frau im Comic. Sie zeigt starke selbstbewusste Charaktere, die auf eigenen Füßen stehen, und ihren Kampf um Freiheit. Miralles schafft einen neuen Blick auf den weiblichen Körper und unterläuft zugleich subversiv den Blick des männlichen Betrachters. Mit prächtigen Bildern, die an die Optik der Technicolorfilme erinnern, drückt ihre opulente Bio-Novel über den Hollywoodstar Ava Gardner Leserinnen und Leser in den Sessel wie einst das Kinopublikum der 1940er- und -50er-Jahre. Mit unverwechselbarem Strich macht die spanische Künstlerin ihre feministische Agenda in der fulminanten Darstellung einer dramatischen Episode aus Avas vie privée exemplarisch sichtbar.

Platz 2:
New-York-Trilogie

Text: Paul Auster
Zeichnungen: Paul Karasik, David Mazzuchelli, Lorenzo Mattotti
Reprodukt | HC | s/w | 400 Seiten | 29,00 €

Mit der kompletten grafischen Bearbeitung von Paul Austers New-York-Trilogie hat Paul Karasik 2025 einen Meilenstein der Comickunst nach mehr als dreißig Jahren abgeschlossen. Nach der legendären Umsetzung des ersten Teils durch David Mazzuchelli (City of Glass) aus dem Jahre 1994 haben in diesem Jahr endlich auch der zweite und dritte Teil durch den italienischen Starzeichner Lorenzo Mattotti (Schlagschatten) und Karasik selbst (Hinter verschlossenen Türen) ihre kongeniale grafische Umsetzung gefunden. Drei verschiedene Comics in einem, nach dem Szenario von Paul Austers postmodernem Klassiker, in feinster Schwarzweiß-Kunst, in unterschiedlichen Stilen. Was will man mehr? Das lange Warten hat sich definitiv gelohnt.

Platz 3:
Die 5 Reiche Band 13: »Am Leben bleiben«

Text: Lewelyn
Zeichnungen: Jérôme Lereculey
Splitter | HC | Farbe | 64 Seiten | 18,00 €

Wie schon im vergangenen Jahr ist mein persönlicher Geheimtipp die seit 2021 bei Splitter erscheinende Fantasy-Saga Die 5 Reiche, die sich auf 30 Bände in fünf Zyklen verteilt. Jérome Lereculey (Zeichnungen) und das Autorenteam Lewelyn (Andoryss, David Chauvel und Patrick Wong) entfalten vor spektakulärer Kulisse ein anthropomorphes Epos in einer um Vorherrschaft kämpfenden Welt der Raubkatzen, Affen, Bären, Hirsche und Echsen. Mit »Am Leben bleiben« beginnt der dritte Zyklus der Saga, der im kriegerischen Bärenreich Arnor spielt. Nicht nur die Darstellung der kargen Welt des Nordens gelingt Lereculey auf faszinierende Weise, sondern auch, wie er die Protagonisten des Bärenclans als solch individuelle Charaktere zeichnet, dass man beim Lesen vollkommen vergisst, dass es sich um Tiere handelt. In unserer neuen Welt konfliktuöser Großraumordnung und Einflusssphären leider hochaktuell!


Sabine Scholz

Platz 1:
Tokyo dieser Tage

Text: Taiyo Matsumoto
Zeichnungen: Taiyo Matsumoto
Reprodukt | HC | s/w | 240 Seiten | 20,00 €

Introspektiver Dreiteiler über einen Mangaredakteur, der im Herbst seines Lebens in Tokio noch einmal neue Wege geht, indem er sich auf alte Werte besinnt. Tekkon Kinkreet-Autor Taiyo Matsumoto beleuchtet mit der ihn auszeichnenden sachlich beobachtenden Erzählweise und basierend auf seinen eigenen Erfahrungen die komplizierte Beziehung zwischen japanischen Mangaschaffenden und ihren Verlagskontakten. Ausgezeichnet mit dem Los Angeles Times Book Prize in der Kategorie Graphic Novel/Comics.

Platz 2:
Der Fuchs und das kleine Tanuki

Text: Mi Tagawa
Zeichnungen: Mi Tagawa
Carlsen Manga | SC | s/w | 162 Seiten | 5,99 €

Ein unwiderstehlicher Manga für Jung und Alt: Diese zuckersüße, in sieben Bänden abgeschlossene Serie entführt Fans japanischer Folklore in eine magische Welt. Darin wird ein mächtiger und reichlich ungezogener Fuchsgeist zum Babysitter eines angehenden Tanuki-Götterboten degradiert. Charmant, witzig und einfach unwiderstehlich.

Platz 3:
Who Saw the Peacock Dance in the Jungle?

Text: Rito Asami
Zeichnungen: Rito Asami
Carlsen Manga | SC | s/w | 166 Seiten | 7,50 €

In sieben Bänden entfesselt Rito Asami eine düstere Kriminalgeschichte voller Geheimnisse und Abgründe: Alles beginnt mit dem Mord an einem ehemaligen Polizeibeamten. Der Fall scheint klar, doch dann weckt ein rätselhafter Brief des Opfers an seine Tochter Zweifel an der Schuld des verhafteten Verdächtigen. Der Wahrheit kann in dieser packenden Whodunit-Story, die in eine Real-TV-Serie adaptiert wurde, trotz vieler falscher Fährten keiner entkommen.


Falk Straub

Drei bemerkenswerte Comics, die es nicht in unsere Top 20 geschafft haben:

Platz 1:
Papiervögel

Text: Mana Neyestani
Zeichnungen: Mana Neyestani
Edition Moderne | SC | s/w | 200 Seiten | 28,00 €

Der Iran kommt nicht aus den Schlagzeilen. Wer sich für Land und Leute interessiert, kommt an einem aus der Ferne zeichnenden Chronisten nicht vorbei: Mana Neyestani. Die politischen Karikaturen des 1973 geborenen, im Pariser Exil lebenden Zeichners brachten ihm unter anderem 50 Tage Gefängnis ein. Im deutschsprachigen Raum ist er bei der Schweizer Edition Moderne zu Hause. In seinem jüngsten Werk entführt uns Neyestani ins iranische Kurdistan, an die Grenze zum Irak. Mit präzisem Strich und in Schwarzweiß nimmt er uns mit in eine bitterarme Region, in der der Schmuggel blüht und unerbittlich Menschenleben fordert. Im eiskalten Winter entspinnt sich eine narrativ wendungs- wie literarisch anspielungsreiche Irrfahrt, die Neyestani zu einem dichten Erzählteppich verwebt. Tragisch, packend und poetisch!

Platz 2:
Auf dem Wasser – Zweiter Teil

Text: Benjamin Flao
Zeichnungen: Benjamin Flao
Schreiber & Leser | HC | Farbe | 176 Seiten | 29,80 €

Ums mit dem geschätzten Kollegen Alexander Braun zu sagen: »Zweite Bände haben es immer schwer in einer Jahresbestenliste zu bestehen.« Das trifft auch auf diese Dystopie der etwas anderen Art zu. Der 1975 geborene Franzosen Benjamin Flao wirft uns mitten hinein ins kühle Nass eines überfluteten Europas. Dort gibt es weder mordende Untote noch marodierende Banden, ist sein Comic doch stets mehr Gesellschaftsdrama denn Science Fiction. So mäandernd wie das Wasser erzählt und großartig großformatig gezeichnet!

Platz 3:
Frontier

Text: Guillaume Singelin
Zeichnungen: Guillaume Singelin
Splitter | HC | Farbe | 200 Seiten | 39,80 €

Wem Benjamin Flaos Comic zu wenig Sci-Fi bietet, der erhält bei Guillaume Singelin eine so üppige und leckere Portion, dass man sich gar nicht daran satt sehen kann. Denn seine Geschichte, in der die Menschheit ihre Grenze in den Weltraum verschoben hat, weil die Ressourcen ihres Heimatplaneten an ihre Grenzen geraten sind, wagt sich auch erzählerisch weit hinaus. Wie der 1987 geborene Franzose mühelos Menschen- und Lichtjahre überbrückt, um gleich mehrere Subgenres quer durch die Galaxie zu bedienen und das alles glaubwürdig und im schönsten Chibi-Look auf gerade einmal 200 Seiten unterbringt, ist eine Meisterleistung. Der beste Science-Fiction-Comic des Jahres!


Stefan Svik

Platz 1:
Captain Future

Text: Sylvain Runberg
Zeichnungen: Alexis Tallone
Carlsen | HC | Farbe | 168 eiten | 28,00 €

Für diesen Comic gilt, was für jeden meiner drei Favoriten 2025 zutrifft: Die Veröffentlichung traf auf großes Interesse, auch oder gerade bei typischen Nicht- oder nur sporadischen Comiclesern. Bei Captain Future kann es aber nicht nur der Faktor Nostalgie sein, es ist auch die hübsche Aufmachung als edles Hardcover, eine angenehme Modernisierung der Zeichnungen und der weiblichen Figur, vor allem aber ist die Geschichte spannend und unterhaltsam. Macht Lust auf mehr!

Platz 2:
Absolute Batman

Text: Scott Snyder
Zeichnungen: Nick Dragotta
Panini | SC | Farbe | 104 Seiten | 9,99 €

Ein Hype-Comic, vor allem in den USA. Es wird wie besessen gekauft, gegraded und auf raschen Wertanstieg spekuliert. Dabei ist die Story zwar sehr ansprechend, alles wirkt etwas frischer und die Bilder und Geschichte bringen viel Freude. Aber ein Watchmen, ein Year One oder ein Killing Joke ist diese neue Serie nicht. Vermutlich strahlt sie auch deshalb so hell, weil es aktuell an echter Konkurrenz im Superheldengenre mangelt.

Platz 3:
Asterix Band 41: »Asterix in Lusitanien«

Text: Fabcaro
Zeichnungen: Didier Conrad
Egmont | SC/HC | Farbe | 48 Seiten | 7,99 €/13,50 €

Wenn sogar die Tagesschau um 20 Uhr über einen neuen Comic berichtet, dann kann Autor und Zeichner jegliche Kritik egal sein. Der Verkaufserfolg ist sicher. In diesem Fall gibt es aber auch einen fairen Gegenwert. Die Reise nach Portugal ist amüsant und sieht hübsch aus. In 20 Jahren wird man sie sicher nicht mit Klassikern wie »Streit um Asterix« oder »Die goldene Sichel« gleichsetzen. Für den Moment lässt uns dieses 41. Album aber genießen, wie es sich anfühlt, wenn die geliebte Kunstform Comic so viel Aufmerksamkeit und Liebe erfährt.


Ralph Trommer

Platz 1:
Der Abgrund des Vergessens

Text: Rodrigo Terrasa, Paco Roca
Zeichnungen: Paco Roca
Reprodukt | HC | Farbe | 304 Seiten | 34,00 €

Paco Roca beweist (unterstützt vom Autor Rodrigo Terrasa) mit dieser eindringlichen Geschichtsaufarbeitung über Verwerfungen während der Franco-Diktatur bis heute erneut, dass er zu den wichtigsten Zeichnern Spaniens gehört.

Platz 2:
Zwei weibliche Halbakte

Text: Luz
Zeichnungen: Luz
Reprodukt | HC |Farbe | 192 Seiten | 29,00 €

Charlie Hebdo-Zeichner Luz erzählt auf originelle Weise von deutscher Geschichte aus der Sicht eines Gemäldes. So wird die Graphic Novel selbst zu großer Kunst.

Platz 3:
Nestor Burma: »Rififi in Menilmontant«

Text: Jacques Tardi
Zeichnungen: Jacques Tardi
Schreiber & Leser | HC | 200 Seiten | Farbe | 29,80 €

Ein neuer Tardi ist immer lesenswert und auch dieser neue Nestor Burma-Band überzeugt als typisches Werk des Altmeisters, das sowohl eine burleske Hommage an Léo Malets Krimihelden als auch an ausgesuchte Filme der Epoche ist.


Walter Truck

Platz 1:
Habemus Bastard Band 1: »Das notwendige Übel«

Text: Jacky Schwartzmann
Zeichnungen: Sylvain Vallée
Splitter | HC | Farbe | 88 Seiten | 22,00 €

Auftragskiller Lucien muss in der französischen Provinz untertauchen. Da die Wege des Herren unergründlich sind, gelingt es ihm, in die Rolle eines Priesters zu schlüpfen. Unterhaltsamer, stellenweise aber auch verblüffend blutiger Auftakt zu einem spannenden zweiteiligen Thriller.

Platz 2:
Time Before Time Band 3

Story: Declan Shalvey, Rory McConville
Zeichnungen: Ron Salas, Eric Zawadzki
Skinless Crow | SC | Farbe | 128 Seiten | 19,90 €

In dieser Zukunft nutzen gutbetuchte Kriminelle, Diktatoren und zwielichtige Gestalten Zeitmaschinen, um aus ihrer Zeitebene zu verschwinden. Aber auch Normalos kratzen die letzten Kröten zusammen, um in eine andere Epoche zu flüchten. Kurzweilig und bislang nachvollziehbar! Noch zwei Bände und der Fünfteiler ist komplett.

Platz 3:
3 Body Problem Band 3

Story: in Cai, Twilight Lu, Silver (nach Drei Sonnen von Cixin Liu)
Zeichnungen: Zeichnungen: XuDong Cai
Splitter Manga+ | SC | Farbe | 200 Seiten | 16,00 €

Nach zwei Streamingserien nun eine auf zehn Ausgaben angelegte Manhuareihe: Die Menschheit hat Kontakt zu Aliens, die unter krassen Bedingungen leben, weil deren Welt chaotisch um drei Sonnen wirbelt. Doch sind sie Freund oder Freind? Fesselnd. Jedoch gilt es, den Stoff mit einer gewissen Sorgsamkeit zu lesen: Die Macher leben und arbeiten in China, dessen politisches System deutlich von dem unsrigen abweicht.


Mechthild Wiesner

Platz 1:
Die Frau als Mensch Band 1: »Am Anfang der Geschichte«

Text: Ulli Lust
Zeichnungen: Ulli Lust
Reprodukt | HC | Farbe | 256 Seiten | 29,00 €

Platz 2:
Bauchlandung

Text: Wanda Dufner
Zeichnungen: Wanda Dufner
Edition Moderne | SC | Farbe | 400 Seiten | 35,00 €

Platz 3:
Schweigen

Text: Birgit Weyhe
Zeichnungen: Birgit Weyhe
avant-verlag | HC | | Farbe | 368 Seiten | 39,00 €


Neben den 20 besten Comics des Jahres hat die ALFONZ-Redaktion zudem auf die wichtigsten Manga, Gesamtausgaben und Kindercomics des abgelaufenen Jahres geblickt. An dieser Stelle folgen die Titel, auf die man ein Auge haben sollte:


Die besten Comics, Manga, Gesamtausgaben und Kindercomics eines Jahrgangs sowie die ganz persönlichen Favoriten unserer Autorinnen und Autoren spielen natürlich schon während des Jahres eine Rolle. Auch 2024/2025 wurden viele der Titel in ALFONZ oder auf CRON vorgestellt. Hier ein Überblick in alphabetischer Reihenfolge:


© der Abbildungen bei den Verlagen, Zeichnern und Autoren; Fotos Mitarbeiter: © Edition Alfons; Foto Sabine Scholz: © Wildfangfotografie Julia Naake; Foto Lutz Göllner: © Daniel Josefson