Frisch Gelesen Folge 248: Pankat

Merwans Comic "Pankat" dürfte nicht jedem schmecken.

»Ich will Pankat-Meister werden.«


FRISCH GELESEN: Archiv


PankatWuchtig, aber auch ein wenig klobig kommt das Titelbild daher.

Text: Merwan
Zeichnungen: Merwan

Schreiber & Leser
Hardcover | 216 Seiten | Farbe | 32,80 €
ISBN: 978-3-96582-065-4

Genre: Action, Martial Arts

Für alle, die das mögen: ungelenke Anfänge, Kampfsport, Mechanica Caelestium



Die Erwartungen an diesen Comic waren so gigantisch wie die Stadien, in die uns Merwan Chabane im vergangenen Jahr in Mechanica Caelestium entführte. Seine Tribute-von-Panem-Variation, in der die Gegner nicht niedergemetzelt, sondern in einer Art postapokalyptischem Völkerball aus der Arena geschleudert werden, war nicht nur für meinen Kollegen Wolfram Neun der »Comic-Volltreffer des Jahres!« (ALFONZ 1/2021). Merwans Story war so flott wie die Würfe seiner Protagonistin Aster. Die Begeisterung für diesen Underdog mit angeklebtem Fuchsschwanz schwappte mühelos von den Rängen auf den Comicseiten ins heimische Wohnzimmer über:

Begeisterte Massen in Merwans "Mechanica Caelestium": Das Publikum feuert Aster an.

Nun also ein neuer Comic im selben Format und mit einer ähnlichen Geschichte. Statt mit Bällen wird diesmal mit Fäusten und Füßen ausgeteilt. Es geht um den Kampfsport Pankat, der dem Comic seinen Namen gibt. Wer ihn beherrscht, dem Winken Ruhm und Ehre. Der junge Mané ist eigens dafür durch die Wüste gereist, um in einer fernen, mittelalterlich-arabisch anmutenden Stadt zum Pankat-Meister aufzusteigen. Das Ende seiner strapaziösen Reise sieht atemberaubend aus:

Vergleichsweise eindrucksvoll ist der Auftakt von "Pankat" gestaltet.

Kaum angekommen, geht der Geschichte aber schon die Luft aus, weil Merwan nicht weiß, was er erzählen will. Mané tritt der Kampfsportschule des Lehrmeisters Eiam bei und trainiert für ein großes Turnier. Abseits der täglichen Prügelstunden lässt er sich mit dem Terroristen Fessat ein, der das neu errichtete Pankat-Stadion in die Luft sprengen will. Und nebenbei bandelt er furchtbar ungeschickt mit einem Mädchen an. Soll Pankat also eine Coming-of-Age-Geschichte über das Erwachsenwerden eines Grünschnabels sein? Oder die sportliche Aufsteigergeschichte eines Außenseiters? Oder ein sportpolitischer Thriller mit Verweisen auf den modernen Fußball und die FIFA? Merwans Comic ist von allem ein bisschen, aber nichts richtig, worunter die Figuren leiden. Sein Protagonist Mané ist so unbeständig wie die Handlung, die mehrfach die Richtung und Tonalität wechselt. Durchdacht und ausgearbeitet ist weder das eine noch das andere, und Frauen kommen nur als eindimensionale Randfiguren vor. Durch den Bechdel-Test fällt dieser Comic krachend! Aus feministischer Perspektive ein echter Tiefschlag. Wie kann das sein, nachdem in Mechanica Caelestium eine mehrdimensionale Frau allen zeigte, wer die (kurzen) Hosen anhat?

Während sich Merwan in "Mechanica Caelestium" aufs Wesentliche beschränkt ...

Die Antwort liegt in der Vergangenheit, denn Pankat ist eben nicht der heißersehnte neue Comic, als den ihn viele Fans, ja selbst einige Kritiker aufgefasst haben. Diese Geschichte steht ganz am Anfang von Merwans Karriere und ist in Frankreich bereits ab 2004 erschienen – zunächst in Albenform, dann als Gesamtausgabe beim Verlag Vents d'Ouest. Im vergangenen Jahr legte die Edition Glénat die Gesamtausgabe noch einmal neu auf, woher wohl auch das Missverständnis rührt, hier liege ein aktueller Comic vor, denn im Impressum ist lediglich das Jahr 2020 angegeben, wie sich im gesamten Comic kein einziger Hinweis darauf findet, dass wir hier Merwans zeichnerische und erzählerische Anfänge betrachten.

... sind Kompositionen wie diese in "Pankat" kaum zu finden.

Zeichnen konnte der 1978 geborene Franzose, der seine Karriere beim Animationsfilm begann, auch schon 2004, wie das oben abgebildete Figurenensemble aus Fessat, Mané und Eiam (von links nach rechts) eindrucksvoll beweist. So wohl komponiert wie in diesem Beispiel ist die Seitenarchitektur in Pankat allerdings nur selten. Statt großer Bilder produziert Merwan viel zu viel Kleinklein. Auf die folgende Seite quetscht er sage und schreibe 23 (!) Panels:

Stattdessen gibt es furchtbar viel Kleinklein.

Das ist so unübersichtlich, dass die Lektüre zur Tortur gerät − Manés Unterricht nicht unähnlich. Und von der Dynamik späterer Comics ist das mehr als einen Handkantenschlag entfernt. Wie viel Merwan in den folgenden Jahren dazugelernt hat, wird klar, wenn man beide Comics nebeneinander legt. In Mechanica Caelestium sehen Actionszenen so aus:

Wo "Mechanica Caelestium" durch Dynamik punktete ...

Wenige Bewegungsabläufe genügen, um Tempo zu erzeugen. Im letzten Panel auf der linken Seite ist der Antritt förmlich spürbar. Und am Ende dieser Doppelseite hat man das Gefühl, gemeinsam mit der Figur über den Abhang zu rutschen. In Pankat sieht Action hingegen noch so aus:

... bremst "Pankat" jegliche Dynamik mit Statik aus.

Die Bewegungen der Kämpfer sind so bleiern wie die Anordnung der Panels. Ungelenke Verrenkungen, so weit das Auge reicht. Wer eine Geschichte erwartet, die auch nur annährend so mitreißt wie Mechanica Caelestium, sollte die Finger von diesem Comic lassen. Alles, was Mechanica Caelestium so großartig macht, ist aber bereits in Pankat angelegt − von der locker-leichten Kolorierung bis zu atemberaubenden Landschaftsaufnahmen und Stadtansichten:

Tolle Stadtansichten wie diese sind aber bereits zu finden.

Wer sich für Merwan und dessen Anfänge interessiert, kann also unbesorgt zugreifen. Nur einen »Comic-Volltreffer« sollte niemand erwarten.

[Falk Straub]

Abbildungen © 2020, 2021 Schreiber & Leser / Merwan


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