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Frisch Gelesen Folge 495: Hermann - Die frühen Kurzgeschichten


»Erhöht das Tempo!«


FRISCH GELESEN: Archiv


Hermann – Die frühen Kurzgeschichten

Story: diverse
Zeichnungen: Hermann

All Verlag
Hardcover | 124 Seiten | Farbe | 24,80 €
ISBN: 978-3-96804-390-6

Genre: Western, Abenteuer, Historie, Krieg

Für alle, die das mögen: Andy Morgan, Jeremiah, Comanche, Entwicklung der frankobelgischen Comics



Ende März 2026 erschütterte eine traurige Nachricht die Comicbranche. Hermann Huppen, der großartige Zeichner frankobelgischer Klassiker wie beispielsweise Andy Morgan, Jeremiah oder Comanche, der in der Szene nur unter seinem Vornamen firmierte und 2016 den Grand Prix der Stadt Angoulême gewann, war gestorben. Er gehörte zu den einflussreichsten und in seiner Hochphase sicherlich auch zu den innovativsten Comiczeichnern Europas. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er in seiner letzten Schaffensphase eher durch produktive Routine als durch künstlerische Kreativität auffiel. Da kommt es gerade recht, dass im All Verlag ein Band mit seinen frühen Kurzgeschichten erschienen ist.

Zu Beginn seiner Karriere war Hermann zusammen mit Zeichnern wie Dany und Dupa eine tragende Säule im berühmten Studio Greg. Das vorliegende Buch versammelt 128 Seiten Comicgeschichte aus dieser Zeit. Neben diversen historischen Cover-Illustrationen aus der Hochphase des Tintin-Magazins vereint dieser Sammelband insgesamt 15 Comicerzählungen. Basierend auf den Vorlagen der Szenaristen Yves Duval und Pierre Step zeichnete Hermann packende Porträts von Ikonen des Wilden Westens wie Sitting Bull und der Dalton-Bande, widmete sich aber ebenso einflussreichen Weltreich-Herrschern wie Napoleon und Julius Cäsar.

Die thematische Vielfalt diente dem jungen Künstler als ideales kreatives Experimentierfeld: Ob opulente Western, maritime Abenteuer, antike Szenarien oder dramatische Fliegergeschichten – Hermann meisterte jedes Genre und wertet die Skripte mit seinem ausdrucksstarken Strich auf. Der Plot konnte noch so holprig, der Gag noch so vorhersehbar sein – selbst aus heutiger Sicht, sind die Geschichten dank des Artworks ein Genuss.

Die im Band versammelten Kurzgeschichten bieten eine gute Gelegenheit, die grafische Entstehung und Evolution eines der einflussreichsten Zeichner der frankobelgischen Comicgeschichte zu studieren. Hermanns Stil in dieser frühen Phase, zwischen 1965 und 1970, lässt sich als Versuchsfeld seines modernen Realismus beschreiben. Seine Figuren sind selten »schön« im klassischen Sinn – oft zeichnet er markante, kantige, beinahe zerfurchte Gesichter, die den Charakteren eine enorme psychologische Tiefe und Glaubwürdigkeit verleihen. Natürlich liegt es bei einem Band mit Kurzgeschichten in der Natur der Sache, dass nicht alle gleich gut gelungen sind. Unterm Strich ist es aber ein großes Lesevergnügen – nicht nur für Hermann-Fans.

 

Dieser Band richtet sich vor allem an Sammler und Liebhaber der frankobelgischen Schule. Er bietet einen ungeschönten, historischen Blick auf die rasante zeichnerische Entwicklung Hermanns, bevor er mit großen Serien wie Comanche oder Andy Morgan weltberühmt wurde.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2026 All Verlag / Hermann


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