Featured

Frisch Gelesen Folge 494: Die Summe seiner Teile

 

»Aber was soll ich Ari sagen? Joshi ist zu einem künstlichen Bewusstsein geworden, und ich muss ihn erst um Erlaubnis fragen?«


FRISCH GELESEN: Archiv


Die Summe seiner Teile

Story: Julia Zejn
Zeichnungen: Matthias Lehmann

Reprodukt 
Hardcover | 128 Seiten | s/w | 20,00 €
ISBN: 978-3-95640-534-1

Genre: Drama, Science Fiction

Für alle, die das mögen: Patience, Unfollow, Deep Me



Unsterblichkeit ist nicht leicht: Ein paar versprengte Transhumanisten in Nordamerika gehen seit einigen Jahren der Idee nach, das menschliche Bewusstsein in eine digitale Umgebung zu transferieren. Nur blöd, dass dafür das Gehirn eines (noch) lebenden Menschen gescannt und zerstört werden muss. Diese Probleme werden in Die Summe seiner Teile einfach ausgeblendet. Weil der Comic von Julia Zejn und Matthias Lehmann sich den viel spannenderen und weniger blöden Aspekten dieser Idee widmet.

Nach einem schweren Autounfall wird das Bewusstsein von Joshua im Rahmen eines neurowissenschaftlichen Projekts in eine digitale Umgebung übertragen. Was sich nach Unsterblichkeit anfühlt, wird bald zu einer beklemmenden Existenz: limitiert, kalt, distanziert. Joshua ist gefangen im Bildschirm; ohne jede Sinnlichkeit. Joshuas Freundin Mara, die mit ihm über ein Tablet kommuniziert, bemerkt, dass er sich verändert, paranoid und depressiv wird.

Auch ihre Beziehung verändert sich, obwohl das gar nicht so genau thematisiert wird. Zejn und Lehmann widmen sich den Fragen hinter ihrem Gedankenspiel: Was bedeutet Trauer? Wie können wir loslassen? Und ist dieser Zustand einer digitalen Existenz erstrebenswert?

Lehmann hat die kurze Geschichte in schwarzweißen Zeichnungen umgesetzt, die viel Raum für Stimmungen lassen. Die beiden Künstler fahren keine didaktischen Dialoge auf, geben keine Antworten, sondern lassen ihre Fragen im Raum stehen.

Die Summe seiner Teile arbeitet mit dem Unbehagen. Obwohl wir sein Wesen vor dem Unfall kaum kennen, wird uns Joshua beim Lesen bald selbst fremd. Mara ist die Sympathieträgerin und unser moralischer Kompass in diesem Comic. Und genau hier liegt das Problem: Zejn und Lehmann hätten ihren Charakteren noch mehr Tiefe verleihen können, wenn der Comic zehn, zwanzig Seiten mehr gehabt hätte. So bleiben sie oft Figuren, die für die Idee arbeiten: Sie zeigen, wie problematisch die Sache mit der Unsterblichkeit ist. Die menschliche Körperlichkeit drücken Zejn und Lehmann beispielsweise mit langen Abschnitten aus, in denen Mara tanzt und die Bilder über die Seiten fließen. Was wunderschön ist. Eben ein Stimmungsbild in einem Gedankenexperiment. Aber was bedeutet es für Mara? Die große Referenz für diesen Comic ist die Streaming-Anthologie-Serie Black Mirror und, zugegeben, da stört es auch die wenigsten Zuschauer, dass die Idee oft stärker ist als es die Charaktere sind.

Trotzdem gehört Die Summe seiner Teile zu den spannenderen deutschsprachigen Werken dieses Jahres. Einfach, weil Zejn und Lehmann sich konsequent einem Genre zuwenden und ihrer Idee folgen. Es geht nicht um Dekonstruktion, nicht um Dekoration mit einzelnen Elementen. Stattdessen bietet Die Summe seiner Teile dystopische Science Fiction, wie sie sonst bei den US-Verlagen erscheint. Da künstliche Intelligenzen bereits jetzt digitale Avatare von Verstorbenen erstellen, mag die Frage erlaubt sein, ob das hier alles überhaupt noch Science Fiction ist – oder nicht längst Realität gewordene Dystopie.

[Björn Bischoff]

Abbildungen © 2026 Reprodukt /  Julia Zejn, Matthias Lehmann


Kauft den Comic im Fachhandel oder direkt beim Verlag: Reprodukt