»Manchmal muss Spider-Man den schwierigen Weg wählen, selbst wenn es Peter Parker das Herz bricht.«
Drehbuch: Chris McKenna, Erik Sommers
Regie: Destin Daniel Cretton
Sony Pictures
USA, 2026 | 145 Minuten | Farbe | FSK: 12
Kinostart: 29.07.2026
Genre: Superhelden, Action, Science Fiction
Für alle, die das mögen: Spider-Man, Tom Holland, Zendaya, Chronicle (2012)
The Only Living Boy in New York
Spider-Man: Brand New Day überrascht auf mehreren Ebenen
Damit hätten wohl selbst eingefleischte Peter-Parker-Fans nicht gerechnet: Der neue Spider-Man-Film rettet eigenhändig das Marvel Cinematic Universe (MCU). Die besten Zeiten des von Kevin Feige verantworteten Mammutprojekts liegen eine Weile zurück und schienen eigentlich vorüber zu sein. Avengers: Endgame, der sich mit einem weltweiten Einspielergebnis von knapp 2,8 Milliarden US-Dollar auf Rang 2 der erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten schob, stammt aus dem Jahr 2019. Danach knackten nur noch drei weitere Filme des gigantischen Franchise die Milliarden-Marke: Spider-Man: Far from Home (2019; 1,1 Mrd. US-Dollar), der die Phase III des MCU abschloss, Spider-Man: No Way Home (2021; 1,9 Mrd. US-Dollar) in Phase IV und Deadpool & Wolverine (2024; 1,3 Mrd. US-Dollar) in Phase V. Viele Filme wie Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (2021), Eternals (2021), Captain America: Brave New World (2025) und Thunderbolts* (2025) blieben künstlerisch und/oder kommerziell (weit) hinter den Erwartungen zurück. Einige wie Black Widow (2021), Ant-Man and the Wasp: Quantumania (2023) und The Marvels (2023) erwiesen sich als veritable Flops.
Die Gründe dafür reichten von der Coronapandemie und den damit einhergegangenen veränderten Sehgewohnheiten des Publikums über exorbitant angestiegene Budgets bis zu uninspiriert erzählten Geschichten. Was Kritiker bereits von einer »Superhelden-Müdigkeit« bzw. »MCU-Müdigkeit« sprechen ließ. Als dann auch noch der erste Trailer zu Avengers: Doomsday, der den MCU-Karren im Dezember 2026 aus dem Dreck ziehen soll, auf wenig Gegenliebe stieß, stimmten einige Branchenbeobachter zum wiederholten Mal den Abgesang auf das Subgenre der Superheldenfilme an. Zumal es bei der Konkurrenz der DC Studios derzeit noch düsterer aussieht. Mit Supergirl, einem Blockbuster, der durch seine Mischung aus Action, Science Fiction, Witz und Charme im Grunde alles für den perfekten Sommerfilm mitbrachte, war die jüngste Auskopplung aus dem DCU gerade erst krachend an den Kinokassen gescheitert. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger.

Allen Unkenrufen zum Trotz ist das MCU quicklebendig, wie Spider-Man: Brand New Day derzeit eindrücklich unter Beweis stellt. Der inzwischen vierte Film mit Tom Holland − was den Engländer zum einzigen Darsteller macht, der mehr als dreimal in die Haut Peter Parkers schlüpfte, − verbuchte schon in den Vorpremieren einen neuen Rekord. Am Mittwoch und Donnerstag vor dem offiziellen Kinostart in Nordamerika nahm der Film 72 Millionen US-Dollar ein. (Bisheriger Rekordhalter war Avengers: Endgame mit 60 Millionen US-Dollar.) Danach folgte mit 360 Millionen US-Dollar das bis dato erfolgreichste Startwochenende in Nordamerika (zuvor: 357 Mio. US-Dollar von Avengers: Endgame). Lediglich was die weltweiten Einnahmen an einem Startwochenende anbelangt, musste sich Spidey den Avengers geschlagen geben. Während der jüngste Auftritt des Spinnenmanns rund um den Globus 932 Millionen US-Dollar verbuchte, nahm Avengers: Endgame seinerzeit 1,2 Milliarden US-Dollar allein am ersten Wochenende nach dem Kinostart ein.
Inzwischen hat Brand New Day unter der Regie von Destin Daniel Cretton (Shang-Chi, Wonder Man, American Born Chinese) auch das zweite Wochenende hinter sich gebracht, und die Erfolgsstory nimmt vorerst kein Ende. Im Vergleich zum Startwochenende gingen die Einnahmen zwar um 59,9 Prozent auf 144,3 Millionen US-Dollar zurück. Das ist zum einen aber völlig normal und zum anderen ist ein Rückgang um so wenige Prozent sogar sensationell. Zum Vergleich: Avengers: Endgame nahm am zweiten Wochenende in Nordamerika nur noch 147,4 Millionen US-Dollar ein, was einen Rückgang von 58,7 Prozent gegenüber den zuvor erzielten 357 Millionen US-Dollar und bis heute das zweiterfolgreichste zweite Wochenende nach Star Wars: Das Erwachen der Macht (2015; 149,2 Mio. US-Dollar) bedeutet. Direkt dahinter läuft Brand New Day auf Rang 3 ein. Vergleicht man hingegen nicht nur die Wochenenden, sondern die gesamte Spielwoche, dann hat Brand New Day nach zehn Tagen mit sagenhaften 655,1 Millionen US-Dollar die Nase gegenüber Avengers: Endgame mit 621,3 Millionen US-Dollar sogar vorn. Mit weltweiten Einnahmen von etwas mehr als 1,7 Milliarden US-Dollar (Stand: 11.08.2026) schickt sich Brand New Day zudem an, die 2-Milliarden-Dollar-Marke zu knacken und zum erfolgreichsten Spider-Man-Film aller Zeiten zu werden. Doch wie erklärt sich dieser Erfolg? Und ist der Hype um den Film gerechtfertigt?

Schon die Prognosen vor dem Kinostart fielen gut aus. Experten sagten Einnahmen von 200 Millionen US-Dollar am Startwochenende voraus. Damit, dass Brand New Day Rekorde brechen würde, hatte hingegen so gut wie niemand gerechnet. Dementsprechend breitgefächert sind die Erklärungsversuche, die von der größeren Popularität Spider-Mans gegenüber anderen Superhelden bis zur überschaubaren Konkurrenz in diesem Kinosommer reichen, was Blockbuster mit einer Jugendfreigabe ab 13 Jahren (in den USA) bzw. ab 12 Jahren (in Deutschland) anbelangt. Dass der letzte Film mit Peter Parker, Spider-Man: No Way Home, bereits fünf Jahre zurückliegt, dürfte ebenfalls eine entscheidende Rolle gespielt haben. Denn dadurch war die Vorfreude auf ein neues Spidey-Abenteuer nicht nur enorm gewachsen, auch eine ganze Horde jugendlicher Fans, die vor fünf Jahren noch zu jung für einen Kinobesuch gewesen waren und die Filme mit Tom Holland bislang lediglich auf der Wohnzimmercouch genießen konnten, waren inzwischen in der Lage, eigenhändig ein Kinoticket lösen. Diese Käuferschicht allein kann den Erfolg allerdings nicht ausmachen. Denn dafür nimmt sich der jüngste Auftritt Peter Parkers tonal wie visuell viel zu düster aus.
Es ist das große Verdienst des Regisseurs Destin Daniel Cretton und seiner Drehbuchautoren, dass sie die dunkle Note, auf der die erste Trilogie mit Hauptdarsteller Tom Holland endete, auf den Auftaktfilm der zweiten Trilogie übertragen haben. (Laut Cretton hat dazu neben dem offiziellen Drehbuchgespann Chris McKenna und Erik Sommers auch Justin Kuritzkes einen entscheidenden Beitrag geleistet, auch wenn er im Abspann des Films nicht als Drehbuchautor gelistet wird.) Zur Erinnerung: Der dritte Teil der »Home«-Trilogie, die aus Spider-Man: Homecoming (2017), Spider-Man: Far from Home (2019) und Spider-Man: No Way Home (2021) besteht, endete damit, dass der von Holland gespielte Superheld den befreundeten Dr. Strange dazu brachte, jede Erinnerung an ihn aus den Gedächtnissen seiner Partnerin MJ und seines besten Freundes Ned zu löschen, um diese zu schützen und das Multiversum zu retten. In der Handlung von Brand New Day, die glücklicherweise in keinem Multiversum mehr spielt, tritt Peter Parker dementsprechend einsam auf. Während seine Ex-Freundin und sein ehemals bester Freund zum Studium an die Uni nach Boston aufbrechen, bleibt Peter allein in New York City zurück − und stürzt sich in die Arbeit. Und weil er anders als in den Comics oder vorangegangenen Adaptionen (immer noch) keinen Job als Reporter respektive Fotograf beim Daily Bugle hat, kann er all seine Zeit, Konzentration und Energie dafür aufwenden, Verbrecher dingfest zu machen.

Die pausenlose Plackerei hinterlässt ihre Spuren. So sehr sogar, dass die Kriminalpolizistin, mit der Spider-Man zusammenarbeitet, ihm rät kürzerzutreten. So sichtlich mit Blessuren seiner Kämpfe übersät wie in diesem Film, hat man Peter Parkers Körper selten gesehen. Die physischen Wunden spiegeln derweil die psychischen, die wiederum zu einer körperlichen Reaktion führen. Urplötzlich hypersensibel und unkontrolliert aggressiv muss sich Peter die Frage stellen, ob nicht auch er zu einem der Monster mutiert, die er durch New York Citys Häuserschluchten jagt. Und dann bekommt er es auch noch mit einem Gegner zu tun, der ihm nicht nur überlegen ist, sondern sich lange Zeit nicht ausfindig machen lässt.
All das macht diesen Film über den freundlichen Helden aus der Nachbarschaft zum bislang bodenständigsten und dunkelsten der Reihe. Die ernsten Themen, die von Verlust und Trauer aufseiten Spider-Mans bis hin zu erlittenen Traumata, Rachegelüsten und möglichen Auswegen aus falsch eingeschlagenen Wegen aufseiten seines Gegners reichen, stehen dem Franchise gut zu Gesicht. Immerhin haben der Protagonist und seine Clique die Schulzeit inzwischen hinter sich gelassen und sind deren Darsteller − Tom Holland feierte am 1. Juni 2026 seinen 30. Geburtstag − dem Alter ihrer Figuren längst entwachsen. So erwachsen wie Brand New Day, der auch seinem Publikum die Möglichkeit einräumt, mit den Figuren zu reifen, fühlte sich bislang noch kein Spider-Man-Film an.

Trotz alledem ist Brand New Day weder ein schwerer noch ein schwerfälliger Film. Obwohl tiefgründiger und nicht annähernd so bunt wie vorangegangene Spider-Man-Adaptionen, gelingt es Destin Daniel Cretton scheinbar mühelos, die Waage zwischen Ernst und Witz zu halten. Dem bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend besetzten Ensemble sei Dank! Die aus der Streaming-Serie The Bear bekannte Liza Colón-Zayas glänzt als toughe Detective Jean DeWolff mit Mutterinstinkt. John Bernthal (als Frank Castle), Florence Pugh (als Yelena Belova) und Mark Ruffalo (als Bruce Banner) liefern mal urkomische, mal actiongeladene Cameos ab. Das größte Lob gebührt jedoch Jacob Batalon als Peters Freund Ned und allen voran Zendaya als Peters (ehemalige) Lebensgefährtin MJ. Es sind die Szenen mit ihnen, die den bittersüßen Schmerz des in der Handlung erzählten einseitigen Verlusts spürbar, ja förmlich greifbar machen. Wie Brand New Day ohnehin stärker im Zwischenmenschlichen brilliert als in den zwar soliden, aber bei Weitem nicht überwältigenden Actionszenen. Dieses große, rührende Drama über verlorene Liebe und wiedergefundene Freundschaft ist es denn auch, das über manche unnötige Länge dieses mit 145 Minuten Laufzeit deutlich zu langen Films hinwegtröstet.
Lohnt sich also ein Kinobesuch? Auf jeden Fall! Weil Brand New Day alte und junge Zuschauer, Spider-Man-Fans der ersten Stunde und ganz frische Spidey-Bewunderer auf unterschiedlichen Ebenen abholt. Ob der Film indessen auch das MCU retten wird, steht auf einem anderen Blatt. Denn bei all den großartigen Zahlen darf nicht vergessen werden, dass die Filmrechte am Spinnenmann nach wie vor von Sony Pictures und nicht von den mitproduzierenden Marvel Studios gehalten werden. 75 Prozent des Gewinns fließen somit an Sony und nur 25 Prozent zurück ins MCU. Was MCU-müden Spider-Man-Fans ein zusätzliches Lächeln ins Gesicht zaubern dürfte.
[Falk Straub]
Abbildungen © 2026 Sony Pictures
